PolyneuropathiePolyneuropathien gehören zu den häufigsten Erkrankungen. Die Rotterdam-Studie ergab, dass wenigstens 4 Prozent der Menschen im mittleren und höheren Lebensalter an einer Polyneuropathie leiden. Bei den über 55-Jährigen lag die Prävalenz bei 8 Prozent und stieg bei den über 65-Jährigen bis zu 30 Prozent. Eine Erkenntnis der Rotterdam-Studie ist, dass ca. 46 Prozent der Polyneuropathien als idiopathisch eingestuft werden müssen, d. h. es ist keine eindeutige Ursache bekannt.

Ein wesentlicher Risikofaktor für die Entstehung einer Polyneuropahtie ist eine mangelnde Versorgung mit Mikronährstoffen.

Welche Bedeutung Mikronährstoffe in der Prävention und Behandlung einer Polyneuropathie haben, wird in diesem Beitrag kurz erläutert.

 

 

1.  Häufigste Ursache für Polyneuropathie: Diabetes

 Diabetes mellitus ist vor chronischem Alkoholkonsum eindeutig die häufigste Ursache für eine Polyneuropathie. Deshalb sollte bei jeder neu auftretenden Polyneuropathie eine Diabeteserkrankung abgeklärt werden. Eine wichtige Rolle hierbei spielt der orale Glukosetoleranztest, der bereits pathologisch ausfallen kann, wenn die anderen Laborwerte der Diabetesdiagnostik noch unauffällig sind. Bereits eine Insulinresistenz kann die Entwicklung einer Polyneuropathie fördern - so jedenfalls die Kernaussage einer Studie aus China.

Wissenschaftler der Universität Wien publizierten 2017, dass für die Entwicklung einer diabetischen Polyneuropathie nicht nur eine schlechte Blutzuckereinstellung eine Rolle spielt, sondern auch andere Faktoren eines metabolischen Syndroms, wie Fettstoffwechselstörungen, Übergewicht und Bluthochdruck.

Bereits ein hoher BMI und eine Nierendysfunktion können die Nervenleitgeschwindigkeit beeinflussen, sogar bei Erwachsenen ohne Neuropathie. Eine Störung des Glukosestoffwechsels ist wahrscheinlich der wichtigste Faktor, der zur Entwicklung einer Polyneuropathie beiträgt. Erhöhte Glukosekonzentrationen oder eine Insulinresistenz schädigen die Nervenzellen über verschiedene Mechanismen, zum Beispiel durch die Bildung von Verzuckerungsprodukten, durch oxidativen Stress oder eine mitochondriale Dysfunktion. Weitere Faktoren sind eine Erhöhung der Entzündungsaktivität und eine Anreicherung von Sorbitol in den Nervenzellen, wodurch das osmotische Gleichgewicht der Zelle gestört wird. Darüber hinaus führen erhöhte Glukosekonzentrationen auch zu einer Beeinträchtigung der Mikrozirkulation.

 

2. Oxidativer Stress

Grundsätzlich sind die Nervenzellen sehr empfindlich gegenüber oxidativem Stress, durch ihren hohen Gehalt an Phospholipiden und Mitochondrien. Außerdem haben Nervenzellen relativ schwache antioxidative Abwehrmechanismen. Durch oxidativen Stress und durch Beeinträchtigung der Mitochondrienfunktion wirken auch verschiedene Chemotherapeutika schädigend auf den Nervenstoffwechsel und können eine Polyneuropathie auslösen.

3. Mikronährstoffe bei Polyneuropathie

Genauso wie das zentrale Nervensystem ist auch das periphere Nervensystem für seine volle Funktionsfähigkeit auf eine ausreichende Verfügbarkeit von Mikronährstoffen angewiesen.

💡 Nahezu jeder Mangel an Vitaminen und Spurenelementen kann eine Polyneuropathie auslösen.


Eine wichtige Bedeutung haben die Mikronährstoffe aber auch für die Begrenzung oxidativer Schäden und für den Erhalt der Mitochondrienfunktion. Mikronährstoffe wirken auf verschiedene Art neuroprotektiv, antioxidativ, durchblutungsverbessernd und antientzündlich. Die pathobiochemischen Veränderungen durch die Störung des Glukosestoffwechsels können durch eine geeignete Mikronährstoff-Supplementierung günstig beeinflusst werden.

 

4. Vitamine und Polyneuropathie

4.1. Vitamin B1

Vitamin B1 ist das wichtigste Vitamin im Kohlenhydrat- Stoffwechsel und ist essenziell für die Energieversorgung der Nervenzellen. Vitamin B1 spielt auch eine wichtige Rolle für die Nervenimpuls-Übertragung, da es für die Aufrechterhaltung der Myelinscheiden benötigt wird. Vitamin B1 besitzt auch antioxidative Eigenschaften. Ein Thiamin-Mangel ist bei Diabetikern und bei Menschen mit hohem Alkoholkonsum sehr häufig und kann wesentlich zur Entstehung einer Polyneuropathie beitragen. Die Vitamin-B1-Speicher im Organismus können die Versorgung nur ca. 20 Tage sicherstellen. Schon nach drei Wochen kann bei einer Vitamin- B1-armen Ernährung eine Mangelsituation auftreten.

4.2. Vitamin B6

Vitamin B6 ist das wichtigste Vitamin im Stoffwechsel der Proteine und der Aminosäuren. Vitamin B6 ist auch ein wichtiges Coenzym in den Stoffwechselwegen, die für die Bildung von Neurotransmittern verantwortlich sind. Vitamin B6 wird auch für die Synthese von Sphingolipiden benötigt und damit auch für die Myelinsynthese.

4.3. Vitamin B12

Vitamin B 12 spielt eine wichtige Rolle für den Nervenstoffwechsel. Generell ist die Vitamin-B12-Aufnahme sehr störanfällig. Bei älteren Menschen kommt es häufig zu einer Verminderung der B12-Verfügbarkeit aufgrund einer reduzierten Bildung des Intrinsic-Faktors. Auch die Einnahme von Metformin sowie eine atrophische Gastritis vermindern die Vitamin-B12-Spiegel. Wissenschaftler aus China publizierten 2018, dass die Vitamin-B12-Spiegel im Serum bei Patienten mit chronischer Gastritis signifikant vermindert waren und zur Entstehung einer peripheren Neuropathie führten. Ein Vitamin-B12-Mangel kann hämatologische, neurologische und psychiatrische Störungen hervorrufen. Die für einen Vitamin-B12-Mangel typische makrozytäre Anämie ist bei etwa der Hälfte der Patienten mit neurologischen Symptomen nicht nachweisbar.

4.4. Folsäure

Auch Folsäure ist wichtig für den Nervenstoffwechsel. Forscher aus dem Iran publizierten im April 2019, dass eine Supplementierung von 1 mg Folsäure über einen Zeitraum von 16 Wochen die Nervenleitungsgeschwindigkeit bei der diabetischen Polyneuropathie signifikant verbesserte.
Wissenschaftler aus Indien haben 2018 veröffentlicht, dass eine Erhöhung der Homocysteinkonzentration ein unabhängiger Risikofaktor für das Auftreten einer diabetischen Neuropathie darstellt. Bekanntlich sind für den Homocysteinabbau Folsäure, Vitamin B6 und Vitamin B12 erforderlich, wobei die Folsäure den größten Effekt hat.

4.5. Vitamin C und E

Wie bereits erwähnt, ist der oxidative Stress ein wichtiger pathogenetischer Faktor für die Entwicklung einer Polyneuropathie. Dies gilt sowohl für die diabetische Polyneuropathie wie auch für Neuropathien, die durch die Anwendung von Chemotherapeutika entstehen. Aus diesem Grund ist eine gute Versorgung mit den antioxidativen Vitaminen C und E von großer Bedeutung.

4.6. Vitamin D

In den letzten Jahren wurden zahlreiche Studien publiziert, die sich mit den Zusammenhängen zwischen dem Vitamin-D- Spiegel und der diabetischen Neuropathie beschäftigten. 2017 wurde eine Metaanalyse chinesischer Wissenschaftler veröffentlicht, in die zehn Studien einbezogen wurden. Ein Vitamin-D-Mangel förderte die Entstehung und Entwicklung einer diabetischen Neuropathie bei Kaukasiern. Eine Vitamin-D- Supplementierung wurde dringend zur Vermeidung der Entwicklung einer diabetischen Polyneuropathie empfohlen.

Möglicherweise hat auch Vitamin K2 einen gewissen Stellenwert bei der Behandlung einer Polyneuropathie. Jedenfalls haben Wissenschaftler aus Indien nachgewiesen, dass eine Supplementierung von Vitamin K2-7 nach zwölf Wochen Symptome eine diabetische Polyneuropathie reduzieren konnte.

5. Spurenelemente, Mineralstoffe und Polyneuropathie

5.1. Eisen

Eisen ist wichtig für die Myelinsynthese und für die Bildung von Neurotransmittern sowie für den Energiestoffwechsel der Nervenzellen. Wissenschaftler aus der Türkei konnten nachweisen, dass sich bei Kindern mit Eisenmangelanämie eine periphere Neuropathie entwickeln kann. Durch eine Eisen- Supplementierung kam es zu einer Normalisierung der Nervenleitungsgeschwindigkeit, die zuvor infolge des Eisenmangels vermindert war.

5.2. Kupfer

Kupfer ist ebenfalls an der Myelinsynthese beteiligt. Ein Kupfermangel kann auch eine Neuropathie auslösen.

5.3. Zink

Eine Zinktherapie verbesserte die Blutzuckerkontrolle und Symptome einer diabetischen Polyneuropathie. Die Nervenleitgeschwindigkeit motorischer Nerven war nach sechs Wochen Zinktherapie signifikant besser.

5.4. Chrom

Auch ein Chrommangel kann als Ursache für eine Polyneuropathie infrage kommen, da Chrom für die Blutzuckerregulation eine wichtige Rolle spielt.

5.5. Magnesium

Ein Magnesiummangel verschlechtert die Blutzuckerkontrolle bei diabetischen Patienten und fördert die Entwicklung diabetischer Folgeerkrankungen, wie zum Beispiel einer diabetischen Neuropathie.

 

6. Aminosäuren und andere Mikronährstoffe

6.1. Glutamin

In einigen Studien hatte eine Supplementierung von Glutamin einen günstigen Effekt bei Polyneuropathien infolge Chemotherapie.

6.2. Cystein

N-Acetylcystein erwies sich als sinnvolle Zusatztherapie bei der Behandlung der diabetischen Polyneuropathie. Durch NAC kam es auch zu einer Verbesserung der antioxidativen Kapazität.

6.3. Taurin

Die schwefelhaltige Aminosäure Taurin verminderte oxidativen und nitrosativen Stress in Zellkulturen mit Schwannzellen und könnte generell zur Prävention diabetischer Spätschäden von Nutzen sein.

6.4. Arginin

Arginin ist die Ausgangssubstanz für die Bildung von Stickstoffmonoxid (NO), das für die Endothelfunktion und Durchblutungsregulierung eine zentrale Rolle spielt. An der Entwicklung von Polyneuropathien sind auch Störungen der Mikrozirkulation beteiligt.

6.5. Glutathion

Glutathion ist das wichtigste intrazelluläre Antioxidans und spielt auch eine bedeutende Rolle für den antioxidativen Schutz der Nervenzellen. In einigen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Glutathion einen gewissen Schutzeffekt gegen eine Zytostatika-induzierte Neuropathie hatte.

6.6. Carnitin

Wissenschaftler aus Italien publizierten 2019 einen systematischen Übersichtsartikel und eine Metaanalyse zur Bedeutung von Acetyl-L-Carnitin bei der Behandlung der schmerzhaften peripheren Neuropathie. Eine Metaanalyse von vier randomisierten kontrollierten Studien zeigte, dass Acetyl-L-Carnitin zu einer signifikanten Schmerzverminderung führte. Es zeigten sich auch günstige Effekte bezüglich der Nervenleitungsgeschwindigkeit und der Regeneration der Nervenfasern.

 

Fazit:
Nahezu jeder Mikronährstoffmangel kann Auslöser einer Polyneuropathie sein. Bei jeder Form der Polyneuropathie ist es sinnvoll, den Mikronährstoffstatus überprüfen zu lassen. Mikronährstoffe sind für das Nervensystem wichtig, weil sie Bausteine des Nervensystems sind, für die Neurotransmitterbildung gebraucht werden, den oxidativen Stress vermindern, für die Energieversorgung der Nervenzellen benötigt werden, antientzündlich wirken und die Mikrozirkulation verbessern.
Bei Polyneuropathien empfehlen wir die Durchführung des DCMS-Neurochecks.

 

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DCMS-Neuro-Check

DCMS Neuro Check 151für eine optimale Mikronährstoffversorgung des Nervensystems. Die Mikronährtoffanalyse ist sinnvoll bei psychischen oder neurologischen Beschwerden. Wird gerne gemacht bei Angststörungen, Depressionen, ADHS, Gedächtnisstörungen, für die Optimierung des Energiestoffwechsel  etc... weiterlesen

 

 

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