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Niacin ist ein Sammelbegriff für Nicotinsäure und Nicotinamid sowie deren biologisch aktive Coenzyme NAD(H) und NADP(H). Eine andere Bezeichnung für Niacin ist Vitamin B3.

Nicotinamid kommt bevorzugt in tierischen Organismen vor, Nicotinsäure hingegen vorrangig in pflanzlichen Geweben wie Getreide und Kaffeebohnen. Nicotinsäure und Nicotinamid sind quantitativ und qualitativ gleichwertig und können im Organismus ineinander übergeführt werden. NAD bzw. NADP werden aus Nicotinsäure oder Nicotinamid gebildet und sind außerordentlich wichtige Coenzyme im Stoffwechsel.

NAD (Nikotinamid-adenin-dinucleotid) ist an über 400 Reaktionen im Stoffwechsel beteiligt. Es ist ein wichtiges Oxidationsmittel. NAD kann zwei Elektronen und ein Proton aufnehmen, die dann in den Mitochondrien (Kraftwerke der Zelle) zur Energiegewinnung wieder abgegeben werden. NAD spielt also eine wesentliche Rolle beim Abbau der Kohlenhydrate, Fette und Aminosäuren. Demgegenüber ist NADPH ein bedeutendes Reduktionsmittel, das Elektronen und ein Proton abgibt. NADPH wird für die Biosynthese von Cholesterin und Fettsäuren benötigt sowie für den Schutz vor Sauerstoffradikalen. Aber auch die Bildung von Sauerstoffradikalen zur Abtötung von Bakterien ist NADPH-abhängig. Insgesamt ist NADPH für ca. 30 Stoffwechselreaktionen erforderlich.

Neben seiner Beteiligung an Redoxreaktionen hat NAD auch noch andere Funktionen. Es ist z.B. für die DNA-Synthese vonnöten und dient zur Bildung von ADP-Ribose. Dieses Molekül kann auf verschiedene Proteine übertragen werden. Diese Reaktionen sind wiederum wichtig für die DNA-Reparatur, die Zelldifferenzierung, den Zelltod, die Signalübertragung zwischen den Zellen u.v.m.

NAD kann in einem gewissen Umfang auch aus der Aminosäure Tryptophan gebildet werden. 60 mg Tryptophan sind in etwa einem Gramm Nicotinamid äquivalent. Allerdings ist die Umwandlung von Tryptophan zu Nicotinamid von einer ausreichenden Verfügbarkeit der Vitamine B2, B6 und Folsäure abhängig und daher auch störanfällig. Auch ein Überschuss der Aminosäure Leucin kann zu Störungen im Tryptophan- bzw. Niacinstoffwechsel führen, weil Leucin die zelluläre Aufnahme von Tryptophan hemmt, ebenso wie die NAD-Synthese. In Ländern, in denen Mais ein Grundnahrungsmitteln ist, wie z.B. Mexiko, kam es in der Vergangenheit häufig zum Auftreten von Vitamin-B3-Mangelerscheinungen, da der konventionelle Mais einen hohen Leucin- und einen geringen Tryptophangehalt aufwies. Die klassische Vitamin-B3-Mangelerkrankung ist Pellagra, die durch die drei D´s gekennzeichnet ist: Dermatitis, Demenz, Durchfall.

Niacin hat therapeutisch eine ganze Reihe von gesundheitlichen Effekten, die sich nicht mit einem Niacinmangel erklären lassen. Durch hohe Dosen von Nicotinsäure kommt es zu einer Verminderung der Konzenration der wichtigsten Lipide und der Apolipoprotein-B-haltigen Lipoproteine. Diese sind VLDL und LDL. Darüber hinaus erhöht Nicotinsäure die Konzentration von HDL. Die Verabreichung höherer Dosen der Nicotinsäure zählt zu den effektivsten Therapiemaßnahmen für die Behandlung einer Hypercholesterinämie. Eine Metaanalyse von 11 klinischen Studien mit mehr als 6.600 Patienten zeigte einen positiven Effekt von Nicotinsäure, entweder als Einzeltherapie oder in Kombination mit Statinen auf kardiovaskuläre Ereignisse. Allerdings ist eine Senkung erhöhter Blutfettwerte nicht zwingend mit einer Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse verbunden, aus diesem Grund wurde 2011 eine große Studie  nach 32 Monaten abgebrochen.

Es gibt auch Hinweise, dass Niacin die Entstehung eines Typ-1-Diabetes vermindern kann. Dies wurde in einer Studie in Neuseeland mit fünf- bis achtjährigen Kindern nachgewiesen. Außerdem hatte Niacin einen günstigen Effekt auf die Gefäßfunktion bei Typ-2-Diabetikern.

Durch eine ausreichende Aufnahme von Niacin wird auch der Serotoninstoffwechsel verbessert. Wenn genügend Niacin zugeführt wird, ist eine Umwandlung von Tryptophan zu Niacin nicht erforderlich, wodurch sich die Verfügbarkeit von Tryptophan für die Serotoninsynthese erhöht. Es gibt verschiedene Berichte über den Einsatz von Niacin bei der Schizophrenie. Die Schizophrenie ist mit einem NAD-Mangel in verschiedenen Regionen des Gehirns assoziiert. Hohe Dosen von Niacin, zusammen mit Vitamin C, konnten psychotische Symptome zum Stillstand bringen.

Die Gabe von Nikotinamid erwies sich auch bei der polymorphen Lichtdermatose als wirksam. Zur Vorbeugung von Sonnenallergien können 600 mg Nikotinamid pro Tag empfohlen werden.  

Referenzen:
Gerald F Combs, Jr.: The Vitamins, Academic Press, 2012
Abraham Hoffer et al.: Niacin the real story; Basic Health, 2012

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