dick-rosita-fraguela-fotoliaDie Risiken der Fettverteilung und orthomolekulare Therapieansätze bei Übergewicht

Das gravierendste Ernährungsproblem in der heutigen Zeit ist zweifellos eine zu hohe Kalorienzufuhr, die zu einem permanenten Anstieg übergewichtiger und adipöser Menschen führt. 57 % der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland haben einen BMI > 25 und gelten damit als übergewichtig; 18 % der Erwachsenen sind mit einem BMI > 30 als adipös einzustufen.

Übergewicht ist ein eigenständiger Risikofaktor für zahlreiche Zivilisationskrankheiten wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Arthrosen, Tumorerkrankungen, Gicht etc. Zur Einschätzung der medizinischen Risiken bei Übergewicht ist der BMI nur bedingt hilfreich; wichtiger ist das Fettverteilungsmuster bei den Betroffenen. Dabei ist die Menge des viszeralen Fettes der entscheidende Risikofaktor für pathologische Stoffwechselveränderungen.

Unter dem viszeralen Fett versteht man die Fettzellen, die sich unter der Bauchmuskulatur im intraabdominellen Raum befinden. Das viszerale Fett kann bei Männern bis zu 20 % der Gesamtkörperfettmenge ausmachen, bei Frauen sind es durchschnittlich 5 – 8 %. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass besonders die viszerale Fettmenge mit Insulinresistenz, verminderter Glucosetoleranz, Typ-2-Diabetes und KHK assoziiert ist. Die viszeralen Adipozyten unterscheiden sich in ihrer Funktion und Stoffwechselaktivität erheblich von den Fettzellen des subkutanen Fettgewebes. Die viszeralen Fettzellen haben eine höhere Lipolyserate, d.h. sie setzen vermehrt freie Fettsäuren frei, besonders unter dem Einfluss von Katecholaminen. Die freien Fettsäuren gelangen über die Pfortader in die Leber und aktivieren dort die hepatische Glukoseproduktion und vermindern die Insulin-Clearance. Viszerale Fettzellen setzen auch vermehrt Glycerin frei, das zur hepatischen Glukoneogenese herangezogen wird. Die freien Fettsäuren führen zu einer vermehrten Produktion von Triglyceriden und Apoprotein-B-reichen Lipoproteinen, was die Insulinresistenz fördert. Im Vergleich zu den subkutanen Fettzellen produzieren die viszeralen Fettzellen auch vermehrt Interleukin-6. Alle genannten Faktoren führen zu einer Hepatosteatosis.

Unter allen Fettdepots ist das viszerale Fett am stärksten mit der Insulinresistenz der Skelettmuskulatur assoziiert. Interessanterweise führt eine Fettabsaugung des subkutanen Fettgewebes im Bauchraum zu keiner Besserung pathologischer Stoffwechselparameter, wohl aber die Verkleinerung des viszeralen Fettgewebes. Eine deutliche Reduzierung des viszeralen Fettdepots ist bereits bei einer Gewichtsreduktion von 5 – 10 % des Gesamtkörpergewichts möglich und nachweisbar. Auch regelmäßige körperliche Bewegung führt dazu, dass das viszerale Fettdepot in stoffwechselverträglichen Grenzen bleibt.

Die außerordentlich adipösen Sumoringer haben, solange sie sportlich aktiv sind, ein relativ kleines viszerales Fettdepot und deshalb relativ günstige Stoffwechselparameter. Sobald die Sumoringer sozusagen in den Ruhestand gehen, kommt es innerhalb kurzer Zeit zu schweren Stoffwechselstörungen bis hin zu vorzeitiger Mortalität.

Erhöhte Cortisolspiegel, wie sie bei chronischem Stress typischerweise vorkommen, tragen erheblich zur Entstehung des viszeralen Fettdepots bei. Ein stressinduzierter Anstieg des Cortisolspiegels hat auch einen erheblichen Einfluss auf die Nahrungsauswahl, wie Untersuchungen der Universität von Kalifornien gezeigt haben. Offensichtlich fördern erhöhte Cortisolkonzentrationen das Verlangen nach Süßem und Fettem („comfort-food“), sozusagen als Versuch, das psychische Missempfinden in Stresssituationen zu vermindern. Psychischer Stress induziert auch die Freisetzung von Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor-Alpha aus Makrophagen, was die „low grade inflammation“ bei Übergewicht fördert.

Wer abnehmen möchte oder muss, kommt an der lapidaren Erkenntnis nicht vorbei, dass in jedem Fall die tägliche Kalorienaufnahme geringer sein muss als der Kalorienverbrauch. Aus der Sicht der Mikronährstoffmedizin gibt es verschiedene therapeutische Ansätze, die eine Gewichtsreduktion unterstützen und negative Stoffwechseleffekte bei Übergewicht vermindern können.

 

Aminosäuren

Verschiedene Aminosäuren wie Arginin, Ornithin, Lysin, Glycin, Glutamin und Tryptophan stimulieren die Freisetzung von Wachstumshormon (STH) aus der Hypophyse. STH fördert den Fettabbau und die Muskelproteinsynthese. Bei Übergewichtigen sind die STH-Konzentrationen häufig vermindert, was natürlich die angestrebte Gewichtsreduktion erschwert. Die Ansprechbarkeit der Hypophyse auf GH-Releaser nimmt nach dem 30. Lebensjahr kontinuierlich ab. Deshalb eignet sich dieses Verfahren zur Unterstützung einer Gewichtsreduktion hauptsächlich für jüngere Menschen. Die STH-Sekretion wird durch niedrige Blutzuckerspiegel angeregt; eine Ernährungsweise mit hohem glykämischen Index kann daher die STH-Freisetzung beeinträchtigen.

Glutamin wirkt nicht nur als GH-Releaser in relativ niedriger Dosierung (2 g), sondern vermindert auch das Verlangen nach Süßigkeiten. Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Serotoninsynthese. Die Serotoninverfügbarkeit im Gehirn ist stark abhängig von der Tryptophankonzentration im Blutserum. Über verschiedene Rezeptoren ist Serotonin an der Regulierung von Appetit und Stimmung beteiligt. Neben Tryptophan haben auch Phenylalanin und Tyrosin eine appetitdämpfende Wirkung.

Für das Sättigungsgefühl spielt das Hormon Cholecystokinin (CCK), das sowohl im Hypothalamus als auch im Dünndarm gebildet wird, eine wichtige Rolle. Phenylalanin und Tyrosin erhöhen die CCK-Freisetzung im Gehirn. Da aus Tyrosin sowohl die Schilddrüsenhormone als auch die Katecholamine gebildet werden, kann eine Tyrosin-Supplementierung auch zu einer Stoffwechselaktivierung beitragen.

In einer Studie des DKFZ (Mai 2004) wurden bei Übergewichtigen verminderte Thiolkonzentrationen im Blutserum festgestellt. Schon länger ist bekannt, dass die Aminosäure Cystein als Thiolverbindung für den Erhalt der Muskelzellmasse erforderlich ist. Ein Cysteinmangel führt zu einer Zunahme des Körperfettanteils zu ungunsten der Muskelmasse. Übergewichtige sollten generell auf eine gute Cysteinversorgung achten, da die Expression proinflammatorischer Cytokine durch einen Cysteinmangel verstärkt wird.

Carnitin ist ein Transportmolekül für langkettige Fettsäuren in die Mitochondrien. Ohne Carnitin könnte eine Fettverbrennung nicht stattfinden. Carnitin hilft aber bei der Gewichtsreduktion nur dann, wenn sich die Abnehmewilligen gleichzeitig mehr bewegen und die Kalorienzufuhr einschränken.

 

Spurenelemente

Ein Magnesiumdefizit führt zu einer Insulinresistenz und fördert die Entstehung eines metabolischen Syndroms. Ein Chrommangel verschlechtert die Insulinempfindlichkeit der Muskelzellen. Dies führt zu einer vermehrten Produktion von Lipiden, weil die Glukose nur unzureichend in die Muskulatur aufgenommen und metabolisiert wird. Chrompikolinat ist die effektivste Chromverbindung.

Verschiedentlich wurde in Studien bei Übergewichtigen verminderte erythrozytäre Zinkkonzentrationen nachgewiesen. Dies korreliert sehr gut mit der „low grade inflammation“, die bei Übergewichtigen häufig vorliegt. Grundsätzlich ist bei übergewichtigen Menschen eine optimale Versorgung mit antioxidativen Mikronährstoffen anzustreben, da das Übergwicht per se ein unabhängiger Risikofaktor für Lipidperoxidation ist. Deshalb sollten auch die Selenkonzentrationen in einem hochnormalen Bereich liegen.

 

Vitamine

Vitamin C ist das wichtigste wasserlösliche Antioxidans und verhindert zusammen mit Vitamin E die Oxidation der LDL-Partikel. Vitamin E hat antiinflammatorische Eigenschaften, es wirkt also der Entzündungsneigung entgegen.

Vitamin C ist erforderlich für die endogene Carnitinsynthese sowie für die Bildung mehrerer am Fettstoffwechsel beteiligter Metabolite, z.B.TRH, Katecholamine, Serotonin. Ein Vitamin-C-Mangel ist häufig mit einer erhöhten Stressanfälligkeit verbunden, was meistens die Esslust erhöht. Oftmals sind bei Übergewichtigen die Homocysteinspiegel zu hoch, deshalb ist besonders auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B6, B12 und Folsäure zu achten. Ein Vitamin-B-Komplex hat häufig einen günstigen Effekt auf die physische Befindlichkeit und kann deshalb beim Abnehmen eine Hilfe sein.



Referenzen:
  1. Eric S. Freeland: Role of a critical visceral adipose tissue threshold (CVATT) in metabolic syndrome: implications for controlling dietary carbohydrates: a review;
  2. Nutrition & Metabolism 2004, 1:12
  3. Dallas Clouatre, Ph. D.: Anti Fat Nutrients, fourth edition. Basic Health Publications
  4. Elmadfa/ Leitzmann: Ernährung des Menschen; Verlag Eugen Ulmer Stuttgart, 4. Auflage, 2004
  5. Heinrich Kasper: Ernährungsmedizin und Diätetik; Verlag Urban & Fischer, 10. Auflage, 2004
Veröffentlicht:
CO`MED Nr. 5 - 2005; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler
Bild: Rosita Fraguela, Fotolia.com
 

Unsere Empfehlung für eine Mikronährstoffanalyse: DCMS-Stoffwechsel-Profil oder Übergewichts-Screening

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