Chronischer mentaler Stress kann zu verschiedenen körperlichen Erkrankungen führen und ist auch ein wichtiger Auslöser für Depressionen. Mikronährstoffe können einen wichtigen Beitrag zur Verminderung von Stressschäden leisten, z.B. durch Verbesserung der antioxidativen Kapazität, Schutz des Gefäßendothels, Verminderung der Entzündungsaktiviät, Verbesserung der Immunkompetenz etc. Tryptophan und Tyrosin sind Vorläufersubstanzen für die Neurotransmittersynthese, die bei verschiedenen psychischen Befindlichkeitsstörungen eingesetzt werden können.

Lysin ist zwar keine Vorläufersubstanz für die Neurotransmittersynthese, hat sich aber trotzdem in einigen Studien zur Verbesserung der Stresstoleranz und zur Verminderung der Ängstlichkeit als wirksam erwiesen. Lysin ist ein partieller Antagonist an 5-HA4-Rezeptoren, die im Verdauungstrakt und im limbischen System sitzen und an der Regulierung von Stressreaktionen beteiligt sind. Außerdem wurde schon länger nachgewiesen, dass Lysin offensichtlich auch über GABA-A-Rezeptoren beruhigend wirken kann.

2004 wurde in den Proceedings of the national Academy of Sciences eine Studie japanischer Wissenschaftler publiziert, in der untersucht wurde, inwieweit eine Lysinanreicherung in Weizenmehl die Stimmungslage und das Verhalten von Testpersonen beeinflusste. Die Untersuchung wurde in verschiedenen Gemeinden in Nordwestsyrien durchgeführt, einer Gegend, in der die Ernährung aus wirtschaftlichen Gründen hauptsächlich aus Weizenbrot besteht. Weizenprotein enthält vergleichsweise nur wenig Lysin.

Die dreimonatige randomisierte Doppelblindstudie zeigte, dass durch die Lysinanreicherung der Plasmacortisolanstieg nach Stress bei den Probanden niedriger war als bei den Kontrollpersonen. Bei den männlichen Versuchsteilnehmern zeigte sich eine verminderte Aktivierung des Sympatikus. Bei den Männern führte die Lysinanreicherung auch zu signifikant verminderten Scores auf einer Ängstlichkeitsskala.

Im Jahr 2005 wurde von einer slowakischen Arbeitsgruppe eine Untersuchung über den Effekt einer Lysin- und Argininsupplementierung auf die neuroendokrine Aktivierung durch psychosozialen Stress publiziert. An dieser randomisierten Doppelblindstudie nahmen 29 gesunde Versuchspersonen teil, die auf einer Angstskala relativ hohe Scores hatten.

Die Versuchsteilnehmer erhielten 10 Tage lang eine Mischung aus 3 g Lysin und 3 g Arginin. Nach 10 Tagen wurden die Versuchsteilnehmer aufgefordert, eine öffentliche Rede zu halten, um sich sozusagen einem sozialen Stress auszusetzen. Bei diesem Experiment wurden die Hormonspiegel, die kardiovaskuläre Aktivierung und der Hautwiderstand gemessen. Die Versuchsteilnehmer der Verumgruppe zeigten eine Verbesserung der Spiegel von ACTH. Sie hatten auch bessere Cortisol-, Adrenalin- und Noradrenalinspiegel im Vergleich zur Placebogruppe. Auch die Hautwiderstände wurden durch die Einnahme der Aminosäuren günstig beeinflusst. Die Autoren der Studie kamen zu der Bewertung, dass die Resultate der Untersuchung die Hypothese unterstützen, dass Lysin in Kombination mit Arginin die hormonalen Antworten während psychosozialen Stresses verbessert und anxiolytische Effekte aufweist.

In der Zeitschrift „Biomedical Research“ wurde 2007 eine Untersuchung japanischer Wissenschaftler über den Effekt einer Lysin-Arginin-Supplementierung auf Ängstlichkeit und Stressanwort publiziert. An der Studie nahmen 108 gesunde Probanden teil, die eine Woche lang entweder ein Placebopräparat oder 2,64 g Lysin und 2,64 g Arginin erhielten. Die Ängstlichkeit wurde anhand eines standardisierten Fragebogens erfasst. Zur Beurteilung der Stressantwort wurden die basalen Konzentrationen von Cortisol und Chromagranin-A im Speichel bestimmt. Cortisol ist bekanntlich ein Marker für die HPA-Achse, Chromagranin A ist ein lösliches Protein, das den Sympathikustonus und die Stressantwort des Sympathikus widerspiegelt.

Nach einer Woche zeigte sich in der Verumgruppe eine deutliche Besserung der Ängstlichkeit-Scores. Bei den männlichen Studienteilnehmern bewirkte die Supplementierung von Lysin und Arginin eine Abnahme der basalen Cortisol- und Chromagranin-A-Konzentrationen. Diese Resultate zeigen, dass eine Kombination aus Lysin und Arginin eine nützliche diätetische Maßnahme zur Verminderung von mentalem Stress und Ängstlichkeit ist.

 

Referenzen:
  1. Chang YF, Gao XM: L-lysine is a barbiturate-like anticonvulsant and modulator of the benzodiazepine receptor; Neurochem Res. 1995 Aug; 20(8): 931-7
  2. Smirga M et al.: Lysine fortification reduces anxiety and lessens stress in family members in economically weak communities in Northwest Syria; Proc Natl Acad Sci USA. 2004 Jun 1; 101(22): 8285-8
  3. Jezova D et al.: Subchronic treatment with amino acid mixture of L-lysine and L-arginine modifies neuroendocrine activation during psychosocial stress in subjects with high trait anxiety; Nutr Neurosci 2005 Jun; 8(3): 155-60
  4. Miro Smriga et al.: Oral treatment with L-lysine and L-arginine reduces anxiety and basal cortisol levels in healthy humans; Biomedical Research 28 (2) 85-90, 2007
  5. Weitere Literatur beim Verfasser.

Autor:
Dr. med. Hans-Günter Kugler, März 2009

 

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