frau rainer sturm pixelio 200 2Der Lebensabschnitt des Alters beginnt mit dem 65. Lebensjahr. Für den Erhalt der Gesundheit spielt, neben vielen anderen Faktoren, natürlich auch die Ernährung eine wichtige Rolle. Im Alter ist der Energiebedarf eher rückläufig - bei gleichbleibendem oder sogar erhöhtem Bedarf an Mikronährstoffen. Ein Mehrbedarf an Mikronährstoffen kann z.B. durch Erkrankungen wie die atrophische Gastritis bedingt sein, die mit einer Einschränkung der Verdauungsleistung einhergehen.

Wie aus den Daten der Nationalen Verzehrstudie II (NVS II) ersichtlich, ist die Mikronährstoffversorgung bei Senioren alles andere als befriedigend. Besonders schlecht ist die Versorgungslage bei Folsäure und Vitamin D. 94,2 Prozent der Männer zwischen 65 und 80 und 97,4 Prozent der Frauen im gleichen Altersabschnitt haben eine zu geringe Vitamin-D-Zufuhr. Was die Folsäure betrifft, sind 90,8 Prozent der älteren Frauen und 89,5 Prozent der älteren Männer unterversorgt. Auch bezüglich der Vitamine B1, B2 und E sowie Calcium und Magnesium ist die Versorgung insgesamt unbefriedigend.

Anfang Juni 2010 diskutierte eine renommierte Expertenrunde an der Universität Hohenheim die Frage: „Vitaminversorgung in Deutschland – ein Grund zur Sorge?“ Der Tenor der Veranstaltung war, dass die Vitaminversorgung in Deutschland deutlich besser werden muss, ansonsten droht ein Anstieg typischer Alterskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Demenz.

In den letzten Jahren erschienen zahlreiche Fachartikel, die sich mit den Zusammenhängen zwischen altersassoziierten Erkrankungen und der Versorgung mit einzelnen Mikronährstoffen beschäftigen.

 

Folsäure

Folsäure ist ein wichtiger Methylgruppen-Donator im Stoffwechsel und an vielen biochemischen Reaktionen beteiligt. Eine Erhöhung der Homocysteinkonzentration ist häufig Folge einer unzureichenden Folsäure-Versorgung. In einer placebokontrollierten niederländischen Studie erhielten mehr als 800 Probanden täglich entweder ein Placebopräparat oder 800 mg Folsäure über einen Zeitraum von drei Jahren. Am Studienende hatte die Verumgruppe bei der Gedächtnisleistung, der Informationsverarbeitung und der sensomotorischen Geschwindigkeit signifikant bessere Ergebnisse als die Kontrollpersonen. Die Einnahme von Folsäure führte dazu, dass die Leistungen bei der Folsäuregruppe mit denen von zwei bis fünf Jahre jüngeren Menschen vergleichbar war.

2007 wurde im „Lancet“ eine Metaanalyse der Feinberg School of Medicine in Chicago publiziert, die sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit Folsäure eine präventive Wirkung auf Schlaganfall hat. Dazu wurden 8 randomisiert kontrollierte Studien ausgewertet; es zeigte sich eine grenzwertig signifikante Reduktion der Schlaganfallhäufigkeit um 18 Prozent.

 

Vitamin B12

Wissenschaftler der Universität Oxford untersuchten bei 107 Personen im Alter von 61 bis 87 Jahren kernspintomographisch die Hirngröße sowie die Konzentration verschiedener Vitamine. Die gleichen Untersuchungen wurden nach fünf Jahren wiederholt. Dabei zeigte sich, dass die altersbedingte Hirnatrophie bei den Probanden mit der niedrigsten B12-Konzentration in der Ausgangsuntersuchung am größten war. Im Drittel mit der niedrigsten B12-Konzentration (< 416 ng/ l) wurden mehr als sechsfach häufiger Verluste an Hirnvolumen festgestellt.


Vitamin C

Eine hohe Vitamin-C-Aufnahme war bei älteren Männern mit geringeren Knochenverlusten verbunden, so die Ergebnisse der Framingham Osteoporosis Study. In einer mexikanischen Studie wurde nachgewiesen, dass eine Supplementierung von 400 I.E Vitamin E und 1000 mg Vitamin C über einen Zeitraum von einem Jahr das Voranschreiten der altersassoziierten Osteoporose deutlich verminderte.

 

Vitamin E

Bei 827 Personen über 65 Jahren wurde ein Zusammenhang zwischen der Vitamin-E-Konzentration und der Entwicklung von Gebrechlichkeit untersucht. Das Risiko, gebrechlich zu werden, war bei den Probanden mit den höchsten Vitamin-E-Konzentrationen deutlich geringer als bei den Probanden mit den niedrigsten Vitamin-E-Spiegeln.

Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kam eine Studie, die 2008 in JAMA publiziert wurde. Bei 698 älteren Personen waren niedrige Vitamin-E-Konzentrationen mit einem stärkeren körperlichen Abbau assoziiert.

 

Vitamin D

In den letzen Jahrzehnten hat sich eindrucksvoll gezeigt, dass das Vitamin D über seine Bedeutung als Knochenvitamin hinaus vielfältige Funktionen im Stoffwechsel inne hat. Nach US-amerkanischen und niederländischen Daten weisen über 50 Prozent der Senioren einen Vitamin-D-Mangel auf. Die körpereigene Vitamin-D-Bildung in der Haut verringert sich mit zunehmendem Lebensalter, mit 70 Jahren beträgt sie nur noch 50 bis 70 Prozent der Leistung in jüngeren Jahren.

Eine gute Vitamin-D-Versorgung hat einen protektiven Effekt gegen zahlreiche altersassoziierte Erkrankungen. Aus der Vielzahl von Publikationen zu diesem Thema können hier natürlich nur einige Beispiele aufgeführt werden.

Durch Supplementation von Vitamin D lässt sich die Sturzrate bei Menschen über 65 Jahren deutlich reduzieren, so das Ergebnis einer Metaanalyse von acht Studien mit insgesamt 2426 Teilnehmern. 25-OHD-Spiegel unter 60 nmol/ l übten keinen Schutzeffekt aus.

Im Rahmen der European Male Ageing Study (EMAS) wurden bei 3133 Männern im Alter zwischen 40 und 79 Jahren die Vitamin-D-Konzentrationen im Blut gemessen sowie eine Reihe von Testes zur kognitiven Leistungsfähigkeit durchgeführt. Die Studienteilnehmer mit höherer Vitamin-D-Konzentration schnitten bei den Tests, bei denen es um Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit ging, durchweg besser ab als die Studienteilnehmer mit niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln. Dieser Effekt war umso ausgeprägter, je älter die Männer waren.

2007 wurden die Ergebnisse einer großen Metaanalyse publiziert, in der der Effekt einer Supplementierung von Vitamin E auf die Sterblichkeit untersucht wurde. Dabei zeigte sich, dass die Menschen, die zusätzlich zur Nahrung Vitamin D einnahmen, ein um sieben Prozent niedrigeres Sterberisiko aufwiesen als diejenigen, die keine Nahrungsergänzungsmittel schluckten.

In einer großen US-amerikanischen Studie, in der die Daten von 27.686 Menschen ab 50 ausgewertet wurden, lag die Sterbewahrscheinlichkeit bei den Probanden, die wenig Vitamin D im Blut aufwiesen, um 75 Prozent höher als bei Menschen mit normalen Werten. Ein Vitamin-D-Mangel erhöhte das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 45 Prozent, die Gefahr eines Apoplex sogar um 78 Prozent. Ein hoher Vitamin-D-Spiegel halbiert einer Metaanalyse zufolge das Diabetesrisiko. Auch das metabolische Syndrom war bei Probanden mit hohen Vitamin-D-Spiegeln nur halb so häufig wie bei Studienteilnehmern mit wenig Vitamin D.

Niedrige Vitamin-D-Konzentrationen könnten auch das Risiko für M. Parkinson erhöhen, so jedenfalls die Ergebnisse des Mini-Finland Health Survey.

 

Zink

Bei 50 älteren Menschen im Alter zwischen 55 und 87 Jahren wurde der Effekt einer Zinksupplementierung auf die Infekthäufigkeit untersucht. Die Verumgruppe erhielt 45 mg Zink täglich über einen Zeitraum von 12 Monaten. Während dieses Zeitraums wurde das Auftreten von Infektionen dokumentiert, außerdem wurden verschiedene immunologische Parameter vor und nach der Therapie bestimmt. Im Vergleich zu einer Gruppe jüngerer Erwachsener hatten die älteren Versuchsteilnehmer signifikant niedrigere Zinkkonzentrationen, erhöhte Marker von inflammatorischen Zytokinen und oxidativem Stress. Bei den Probanden, die Zink eingenommen hatten, traten Infektionen deutlich seltener auf, und die Bildung von Entzündungsmarkern und oxidativem Stress war signifikant niedriger als in der Placebogruppe.

 

Aminosäuren

Mit zunehmendem Lebensalter kommt es auch zu Veränderungen im Aminosäurenstoffwechsel. Man kann dann feststellen, dass sich die Cysteinkonzentration im Blutserum/ Plasma vermindert. Cystein spielt eine erhebliche Rolle für die antioxidative Kapazität und ist die wichtigste Ausgangssubstanz für die Bildung von Glutathion. In verschiedenen klinischen Studien verbesserte eine Cysteinsupplementierung die Funktion der Skelettmuskulatur, die Immunfunktionen und die Plasma-Albuminspiegel, und sie verminderte die Plasmaspiegel des Entzündungsmarkers TNF-Alpha. All diese Parameter verschlechterten sich im Alter. Es ist also durchaus anzunehmen, dass ein Cysteinmangel, zumindest teilweise, zu altersassoziierten Beschwerden beiträgt und dass auch die Aufnahme von Cystein wahrscheinlich suboptimal ist. In älteren Lebensjahren erhöht sich im Plasma der Anteil an Cystin. Das Verhältnis Cystin zu Cystein wird größer.

Auch auf die Verfügbarkeit der verzweigtkettigen Aminosäuren sollte im Seniorenalter mehr Wert gelegt werden. Es ist schon länger bekannt, dass die essentiellen Aminosäuren, insbesondere die verzweigtkettigen Aminosäuren, die Muskelproteinsynthese stimulieren können; dabei ist Leucin der stärkste Stimulator. Es wurde festgestellt, dass insbesondere ältere Menschen höhere Dosen an verzweigtkettigen Amiosäuren benötigen, um die Muskelproteinsynthese anzuregen. Während des Alterungsprozesses kommt es also zu einer Verminderung des anabolen Effektes. Es gibt Hinweise, dass die Muskelproteinsynthese bei älteren Menschen gesteigert werden kann, wenn sie eine kleine Menge essentielle Aminosäuren einnehmen, die aber einen hohen Anteil an Leucin enthalten. Wenn der Leucinanteil geringer ist, besteht kein anaboler Effekt. In einer japanischen Studie konnte genau dies nachgewiesen werden. Ältere Frauen mit Sarkopenie erhielten über drei Monate eine Mischung essentieller Aminosäuren mit einem hohen Leucinanteil, die Kontrollgruppe erhielt kein Präparat. Die Aminosäurenmischung wurde zweimal täglich über einen Zeitraum von drei Monaten verabreicht. Bei den Personen, die diese Aminosäuren eingenommen hatten, wurden nach den drei Monaten eine Erhöhung des fettfreien Körperanteils festgestellt, außerdem war die Gehgeschwindigkeit und die maximale Gehstrecke signifikant höher als bei den Kontrollpersonen.

 

Carnitin

Carnitin spielt eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel. Gerade bei älteren Menschen kann eine Carnitinsupplementierung zur Verbesserung der psychischen und physischen Befindlichkeit sinnvoll sein. Italienische Wissenschaftler erprobten die Wirksamkeit von Acetyl-L-Carnitin bei älteren Personen und konnten nachweisen, dass Acetyl-L-Carnitin sowohl die physische wie auch die mentale Müdigkeit verminderte und körperliche Funktionen sowie den kognitiven Status verbesserte. In einer Studie aus China konnte die Wirksamkeit von Acetyl-L-Carnitin zur Verbesserung der Herzfunktion bei älteren Patienten mit Herzinsuffizienz nachgewiesen werden.

 

Coenzym Q10

Coenzym Q10 hat eine zentrale Bedeutung für die mitochondriale ATP-Synthese und ist ein wichtiges lipophiles Antioxidans. Es gibt Hinweise, dass Coenzym Q10 bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen von Nutzen sein könnte, allerdings reichen die Daten für eine endgültige Beurteilung noch nicht aus.


Abschließend kann gesagt werden, dass eine optimale Versorgung mit Mikronährstoffen eine der sinnvollsten präventiven Maßnahmen gegen altersbedingte Erkrankung ist. Um festzustellen, welche Mikronährstoffe im Defizit sind, ist allerdings die Durchführung einer Mikronährstoffanalyse des Blutes unbedingt zu empfehlen. Nur so können Mikronährstoffmängel erkannt und auch gezielt behoben werden.

 

 

Referenzen:
  1. www.finanzachrichten.de: Vitamin-Defizit-Alarm für Deutschland/ Führende Wissenschaftler warnen vor Gesundheitsrisiken durch Vitaminunterversorgung; 08.07.2010
  2. Aerzteblatt.de: Folsäure fördert kognitive Leistungsfähigkeit; Dt Ärztebl 2007; 104(12)
  3. Aerzteblatt.de: Meta-Analyse: Folsäure senkt Schlaganfallrisiko; 1. Juni 2007
  4. Aerzteblatt.de: Studie: Vitamin B12 verhindert Hirnatrophie im Alter; 9. September 2008
  5. Shivani Sahni et al.: High Vitamin C intake is associated with lower 4-year bone loss in elderly men; 2008 American Society for Nutrition J. Nutr. 138: 1931-1938, October 2008
  6. Quelle: Bartali B, Frongillo EA, Guralnik JM, Stipanuk MH, Allore HG, Cherubini A, Bandinelli S, Ferrucci L, Gill TM (2008): Serum micronutrient concentrations and decline in physical function among older person;, Journal of the American Medical Association. 2008 Jan 23;299(3):308-15, PMID: 18212315
  7. Ble A et al.: Lower plasma vitamin E levels are associated with the fraility syndrome: the InCHIANTI study; J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2006 Mar; 61(3): 278-83
  8. Aerztezeitung.de: Neuer Beleg: Vitamin D reduziert Sturzrate; 04.03.2010
  9. David M Lee et al. : Association between 25-hydroxyvitamin D Levels and cognitive performance in middle-aged and older european men ; J Neuro neurosurg Psychiatry. Pulished online first: 21. may 2009
  10. Focus.de: Länger leben dank Vitamin D; 11.09.2007
  11. Focus.de: Studie: Diabetesrisiko bei viel Vitamin D halbiert; 22.02.2010
  12. DerStandard.at: Höheres Schlaganfall-Risiko durch Vitamin D-Mangel; 16. November 2009
  13. Aerzteblatt.de: Vitamin-D könnte vor Demenz und Parkinson schützen; 13. Juli 2010
  14. Ananda S Prasad et al.: Zinc Supplementation decreases incidence of infections in the elderly: effect of zinc on generation of cytokines and oxidative stress; American Journal of Clinical Nutrition, Vol. 85; No. 3, 837-844; March 2007
  15. Wulf Dröge: Oxidative stress and ageing: is ageing a cysteine deficiency syndrome? Phil. Trans. R. Soc. B (2005) 360, 2355-2372
  16. Hisamine Kobayashi et al. : Small dose high leucine essential amino acids supplementation ameliorates sarcopenia in sarcopenic older Japanese women ; The FASEB Journal; April 2010
  17. Satoshi Fujita and Elena Volpi: Amino Acids and muscle loss with aging; The Journal of Nutritio; Presented at the conference “Symposium on branched-chain Amino acids”, held May 23-24, 2005
  18. Michele Malaguarnera et al: Acetyl L-carnitine (ALC) treatment in elderly patients with fatique; Archives of Gerontology and Geriatrics; March 2008, Volume 46, Issue 2, Pages 181-190
  19. HU Jun, ZHU Fu et al.: Role of L-carnitine in improving cardiac function and relieving myocardial ischemia in elderly patients with congestive heart failure; en.cnki.com.cn
  20. Graciela Cristina dos Santos et al.: Coenzyme Q10 and its effects in the treatment of neurodegenerative diseases; Brazilian Journal of Pharmaceutical Sciences vol. 45, n. e, oct./dec., 2009

Veröffentlicht:
Report Naturheilkunde, Oktober 2010, Ausgabe 5; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler

tabletten-rainer-sturm-pixelioEnde Februar wurde von der Fachzeitschrift „JAMA“ eine Meta-Analyse von 68 randomisierten klinischen Studien mit Antioxidantien-Supplementen publiziert. Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass eine Supplementierung mit Antioxidantien das Mortalitätsrisiko erhöht und zwar um 16 Prozent für Vitamin A, 7 Prozent für Beta-Carotin und 4 Prozent für Vitamin E. Vitamin C und Selen hätten keinen Einfluss auf die Sterblichkeit.

Die Qualität und das Ergebnis dieser Meta-Analyse wurde von internationalen Fachkreisen heftig kritisiert - vor allem die Studienauswahl bzw. die angewandten Vergleichskriterien. So wurden z.B. zwei großangelegte qualitativ hochwertige Studien aus dem „Journal of the National Cancer Institute“ und dem „Lancet“ nicht berücksichtigt, auch eine große Zahl anderer aussagekräftiger Studien wurde völlig ignoriert.

Eine Meta-Analyse gilt sozusagen als der Goldstandard in der medizinischen Statistik und ist dann grundsätzlich sinnvoll, wenn die eingehenden Studien möglichst ähnlich in Design und Studienpopulation sind. In dieser Meta-Analyse wurden die unterschiedlichsten Personen miteinbezogen, z.B. Gesunde, Alte und Patienten mit Herzerkrankungen oder Krebs. Auch die Dosierung der Antioxidantien bewegte sich in einem breiten Spektrum, beispielsweise wurden bis zu 200.000 IE Vitamin A verabreicht – eine Dosierung, die geltende Höchstmengenempfehlungen mehrfach überschreitet. Außerdem ist es verwunderlich, dass Vitamin A überhaupt in diese Analyse miteinbezogen wurde, nachdem es gar kein Antioxidans ist.

Stellvertretend für viele andere Antioxidatantien-Experten sei hier der Leiter des Linus Pauling Instituts der Oregon State University zitiert: „Dies ist eine fehlerhafte Analyse von fehlerhaften Daten und sie trägt wenig zum Verständnis der gesundheitlichen Wirkungen von Antioxidantien bei, weder für die nützlichen noch für die anderen“. Außerdem seien in vielen Studien die Todesursachen nicht beachtet worden, es hätte sich z.B. auch um Unfälle handeln können oder um Todesursachen, die mit Ernährung und Antioxidantien gar nichts zu tun haben.

Es bleibt festzuhalten, dass es sich bei dieser Meta-Analyse um eine stark fehlerhafte Studie handelt mit einer sehr geringen Aussagekraft. Bedauerlich ist nur, dass solche „Pseudo-Studien“ sehr gerne und schnell an die große Glocke gehängt werden, z.B. mit der Überschrift „Vitaminpillen verkürzen das Leben“ und damit die Menschen unnötigerweise verunsichern. Es muss auch die Frage gestellt werden, warum die zahleichen Studien, die die gesundheitlichen Vorteile einer Antioxidantien-Supplementierung belegen, nicht mit dem gleichen publizistischen Eifer behandelt werden.

Vitaminpillen verkürzen nicht das Leben, sondern sind im Rahmen eines orthomolekularen Behandlungskonzepts häufig sehr wirksam bei der Behandlung verschiedener Krankheiten, z.B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, neuropsychiatrischen Störungen, Gelenkerkrankungen etc.

Allerdings sollte eine hochdosierte Supplemtierung von orthomolekularen Substanzen nur nach einer vorhergehenden Diagnostik und ärztlichen Beratung erfolgen.
 

Veröffentlicht:
Die Naturheilkunde, Heft 2/ 2007; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler

gemuese-tomo-jesenicnik-fotoliaPrävention ernährungsabhängiger Erkrankungen

 

In Deutschland und anderen Industrienationen tragen ernährungsabhängige Erkrankungen wesentlich zur Morbidität und Mortalität der Bevölkerung bei. In einer Presse­mitteilung der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V. vom Oktober 2003 werden 54,5 % der Frauen und 66,5 % der Männer als übergewichtig eingestuft. Fast vier Millionen Menschen leiden an Diabetes mellitus; 46 % aller Todesfälle entfallen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Derzeit werden die Kosten zur Behandlung ernährungsabhängiger Krankheiten auf über 60 Mrd. Euro geschätzt, das ist mehr als ein Drittel aller Ausgaben im Gesundheitswesen. Der so genannte westliche Ernährungsstil (Western Diet) ist gekennzeichnet durch eine zu hohe Fett- und Proteinzufuhr bei einer zu geringen Aufnahme von Ballaststoffen sowie von Vitaminen und Mineralstoffen.

Eine der sinnvollsten Alternativen zur „Western Diet“ ist die vegetarische Ernährung, von der es bekanntlich mehrere Varianten gibt. Die ganz überwiegende Anzahl der ca. sechs Millionen Vegetarier in Deutschland ernährt sich ovo-lakto-vegetabil. Die in vorliegendem Artikel gemachten Aussagen beziehen sich auf diese Ernährungsform.

Im Juni 2003 wurde ein neues Positionspapier der American Dietetic Association und der Dietitians of Canada zur vegetarischen Ernährung veröffentlicht. Diese Publikation ist eine umfangreiche ernährungsphysiologische und ernährungsmedizinische Bewertung der vegetarischen Ernährung auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand. Darin heißt es, dass sorgfältig zusammengestellte vegetarische Ernährungsformen gesund und ernährungsphysiologisch ausreichend sind und gesundheitliche Vorteile in der Prävention und Therapie bestimmter Krankheiten bieten.

Während früher die vegetarische Ernährung als eher minderwertig und risikobehaftet eingestuft wurde, scheint sich das Blatt jetzt zu wenden. In modernen Public-Health-Modellen wird die Nutzen-Risiko-Relation der vegetarischen Ernährung deutlich günstiger bewertet als die der üblichen Mischkost. Das Problem in den Industriestaaten ist nicht ein Kalorien- und Eiweißmangel, sondern eine zu geringe Zufuhr pflanzlicher Nahrungsmittel. Der gesundheitliche Vorteil durch einen reichlichen Verzehr pflanzlicher Produkte ist so erheblich, dass viele Zivilisationskrankheiten heute als „phytochemical deficiency diseases“ bezeichnet werden können.

 

Welche Vorteile hat die vegetarische Ernährung gegenüber der Mischkost?

 Vegetarier haben eine geringere Cholesterinzufuhr als Mischköstler, da pflanzliche Produkte nahezu cholesterinfrei sind. Insgesamt ist die Fettaufnahme über die Nahrung bei Vegetariern niedriger im Vergleich zu Nichtvegetariern. Die Zufuhr von Arachidonsäure ist geringer, dadurch werden weniger proinflammatorische Prostaglandine und Leukotriene gebildet. Deshalb profitieren besonders Rheumatiker von einer Umstellung auf eine vegetarische Ernährung.

Pflanzliche Proteine haben ein etwas anderes Aminosäurenmuster als tierische Proteine. Sie enthalten durchschnittlich mehr Arginin und weniger Lysin und Leucin als tierische Proteine. Dies führt dazu, dass pflanzliche Proteine eine Reduzierung der körpereigenen Cholesterinsynthese bewirken - im Gegensatz zu tierischem Eiweiß.

Außerdem enthalten pflanzliche Proteine weniger schwefelhaltige Aminosäuren. Die beim Abbau der schwefelhaltigen Aminosäuren anfallenden Protonen sind die Hauptquelle für die Säurebelastung des Stoffwechsels. In mehreren Studien wurde nachge­wiesen, dass bei einer pflanzenbetonten Ernährung die Osteoporose seltener auftritt als bei einem hohen Verzehr tierischer Proteine. Eine verminderte Methioninzufuhr könnte der Grund dafür sein, dass Vegetarier ein geringeres Tumorrisiko haben als Misch­köstler. Tumorzellen reagieren im Gegensatz zu normalen Zellen sehr empfindlich auf eine Einschränkung der Methioninzufuhr.

Die Balaststoffzufuhr von Vegetariern liegt meist über dem Richtwert der DGE von mindestens 30 Gramm täglich. Vegetarier sind mit den meisten Vitaminen besser versorgt als Mischköstler. Dies betrifft vor allem die antioxidativen Vitamine C und E sowie Vitamin B1 und Folsäure. Allerdings liegt die Vitamin-B12-Aufnahme von Ovo-lakto-Vegetariern niedriger als bei Mischköstlern. Besonders bei älteren Menschen kann deshalb eine Vitamin-B12-Supplementierung sinnvoll sein, um einen Homocysteinanstieg zu verhindern.

Vegetarier nehmen mehr Magnesium und Kalium zu sich, dafür ist die Natrium- und Phosphor-Aufnahme geringer. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass die Hypertonie bei Vegetariern seltener auftritt als bei der Allgemeinbevölkerung.

Pflanzen enthalten neben den üblichen Nährstoffen eine Vielzahl gesundheitsförder­licher Substanzen; derzeit sind rund 30.000 sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe (Phytochemicals) identifiziert, von denen 5 - 10.000 in pflanzlichen Nahrungsmitteln vorkommen. Wichtige pflanzliche Wirkstoffgruppen sind die Phytosterine, Glukosinolate, Flavonoide, Monoterpene, Sulfide, Phenolsäuren, Carotinoide, Anthocyane und Phytoöstrogene.

 

 

Vegetarische Ernährung und chronische Erkrankungen

 

Adipositas

Vegetarier haben durchschnittlich einen niedrigeren Body-Mass-Index als Fleischesser, das haben verschiedene Vergleichsstudien ergeben, z.B. die Adventist Health Study und die Oxford Vegetarian Study.

 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Die Mortalität bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist bei Vegetariern niedriger als bei Nicht­vegetariern. Wichtige Gründe dafür sind sicherlich die durchschnittlich niedrigeren Cholesterinkonzentrationen und die erhöhte Oxidationsstabilität des LDL-Cholesterins aufgrund einer höheren Aufnahme antioxidativer Substanzen. Bei Vegetariern wurde auch eine bessere Endothelfunktion nachgewiesen. Allerdings war in einigen Studien bei Vegetariern das Homocystein höher als bei Mischköstlern – aufgrund der geringeren B12-Aufnahme.

 

Diabetes mellitus

Es gibt überzeugende Hinweise aus mehreren epidemiologischen Studien, dass eine vegetarische Ernährung das Risiko für den Typ-II-Diabetes senkt. In der Adventist Health Study zeigte sich ein direkter Zusammenhang zwischen dem Fleischkonsum und dem Diabetesrisiko bei Männern. Vegetarier verfügen durchschnittlich über eine höhere Insulinsensitivität als Mischköstler.

 

Osteoporose

Eine hohe Zufuhr tierischer Proteine erhöht die Calciumausscheidung und erhöht den Calciumbedarf. In Studien an postmenopausalen Frauen zeigte sich, dass eine tier­eiweißbetonte Ernährung zu hohen Knochensubstanzverlusten führte und das Hüftfrakturrisiko erhöhte. Eine vermehrte Säurebelastung des Stoffwechsels muss durch alkalische Knochensalze neutralisiert werden. Die höhere Aufnahme von Kalium, Magnesium und Vitamin K bei Vegetariern ist ein protektiver Faktor gegen Osteoporose. Auf alle Fälle muss jedoch ein Eiweißmangel vermieden werden, weil dieser auch zu Osteoporose führt.

 

Tumorerkrankungen

Vegetarier haben durchschnittlich ein geringeres Risiko für Krebserkrankungen als Mischköstler. Dies gilt vor allem für Darm, Brust und Lungenkrebs. Eine hohe Zufuhr gesättigter Fettsäuren sowie ein hoher Fleischkonsum sind erhebliche Risikofaktor für das Colon- und Mamma-CA. Neben dem Verzicht auf den Fleischkonsum sind sicherlich die sekundären Pflanzeninhaltsstoffe wichtige Faktoren, die das verminderte Tumorrisiko bei Vegetariern erklären.

Vor kurzem wurde die EPIC-Studie publiziert, die weltweit größte wissenschaftliche Studie über die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Krebs. EPIC ist die Abkürzung für „European Prospective Investigation Into Cancer and Nutrition“. Nach den derzeit vorhandenen Daten sind bis zu 35% aller Krebsfälle auf falsche Ernährung zurückzuführen.

 

Demenzerkrankungen

Bei der Adventist Health Studie zeigte sich, dass das Demenzrisiko bei Fleischessern zwei bis dreimal so hoch war als bei Vegetariern. Neurodegenerative Erkrankungen gehören zu den radikalbedingten Erkankungen, deshalb ist zur Prävention eine hohe Zufuhr antioxidativer Wirkstoffe sinnvoll und notwendig.

 

Sonstige Erkrankungen

Vegetarier leiden weniger häufig an Divertikulose und Gallensteinen. Bei der rheuma­toiden Arthritis sollte die Aufnahme der Arachidonsäure möglichst niedrig gehalten werden, da aus dieser proinflammatorische Prostaglandine und Leukotriene gebildet werden. Als besonders effektiv erwies sich bei der rheumatoiden Arthritis eine Heilfastentherapie mit anschließender veganer Kost.

 

Fazit:
Im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung leiden Vegetarier seltener an ernährungsabhängigen Erkrankungen. Die Vorteile einer ausgewogenen vegetarischen Ernährung ergeben sich aus einer geringeren Aufnahme tierischer Lebensmittel und einem vermehrten Verzehr von Gemüse, Obst und Getreide. Die vegetarische Ernährung ist eine der sinnvollsten präventivmedizinischen Maßnahmen überhaupt, durch die auch die Ausgaben zur Behandlung ernährungsabhängiger Erkrankungen deutlich verringert werden könnten. Über die rein medizinischen Aspekte hinaus gibt es gewichtige ökologische Gründe, die für die vegetarische Lebensweise sprechen. Viele Verbraucher entscheiden sich für die vegetarische Ernährung auch aus ethischen Gründen.
 
 
 
Referenzen:
  • Position of the American Dietetic Association and Dietitians of Canada: Vegetarian diets; Journal of The American Dietetic Association; June 2003 Volume 103 Number 6 Joan Sabaté: Vegetarian Nutrition, CRC Press 2001
  • Claus Leitzmann et al.: Ernährung in Prävention und Therapie; Hippokrates 2003 Heinrich Kasper: Ernährungsmedizin und Diätetik; Urban & Fischer 2000


Veröffentlicht:
CO`MED Nr. 4/ 2004; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler
Bild: Tomo Jesenicnik, Fotolia.com

 

 

Freie Radikale (Teil 2)

Von allen Alterungstheorien ist die Theorie der freien Radikale am besten wissenschaftlich belegt. Im Laufe des Lebens kommt es nachweisbar zu oxidativen Veränderungen von Biomolekülen, die letztlich zu einer Funktionseinbuße im Zell- und Organstoffwechsel führen. Aminosäuren haben nicht nur vielfältige biochemische Funktionen, sondern verfügen auch über ein erhebliches therapeutisches Potenzial:

 

Arginin

Arginin ist eine semiessentielle Aminosäure, d.h. sie kann im Prinzip vom Stoffwechsel selbst gebildet werden. Bei Kindern und in bestimmten Stoffwechselsituationen ist die endogene Synthese oft nicht ausreichend. Arginin ist die Ausgangssubstanz zur Synthese von Stickoxid (NO).

NO war das Molekül des Jahres 1992. Im Jahre 1998 wurde für die Erforschung des NO-Metabolismus der Nobelpreis für Medizin verliehen. Stickoxid ist ein löslicher, diffusionsfähiger Botenstoff, der keine Zielrezeptoren benötigt. Inzwischen ist in allen Zellsystemen des Menschen eine niedrigdosierte, calciumabhängige NO-Synthese nachgewiesen. Darüber hinaus existiert eine induzierbare, hochdosierte und langdauernde NO-Produktion, die in zahlreichen Zelltypen des Immunsystems entdeckt wurde, z.B. Makrophagen, T­Lymphozyten.

NO und seine Derivate sind unverzichtbar zur Bekämpfung intrazellulärer Erreger. Ein NO- bzw. Arginin-Mangel führt deshalb zwangsläufig zu einem Immundefizit: Die Proliferation der Lymphozyten ist von einer ausreichenden Argininmenge abhängig; eine Arginin-Supplementierung stimuliert die Lymphozyten auch bei Gesunden.

Arginin hat einen wichtigen protektiven Effekt auf das Gefäßsystem:
NO wirkt als Vasodilator, vermindert die Thrombozyten- und Granulozyten-Aggregation und hat eine antiproliferative Wirkung auf die Gefäßmuskulatur. Da Homocystein mit NO reagiert, besteht bei der Hyperhomocysteinämie ein erhöhter Argininbedarf.

Arginin verbessert die cerebrale Durchblutung. NO spielt eine wichtige Rolle bei der Gedächtnisbildung durch die Beteiligung an der Langzeitpotenzierung. In mehreren Studien wurde ein positiver Effekt von Arginin auf die endotheliale Dysfunktion belegt.

Arginin ist die Ausgangssubstanz zur Kreatinsynthese. Kreatinphosphat ist die Energiereserve des Muskelgewebes. Bei erhöhter körperlicher Aktivität steigt auch der Kreatinbedarf. Arginin stimuliert die STH-Sekretion, wobei hier Dosen von drei bis acht Gramm auf nüchternen Magen erforderlich sind.

 

Cystein

Cystein ist eine schwefelhaltige Aminosäure, die auf Grund ihrer chemischen Eigenschaften (freie SH-Gruppe) eine fundamentale Rolle im Zellstoffwechsel spielt. Cystein ist neben Glycin und Glutaminsäure Baustein des Glutathion-Moleküls. Cystein und Glutathion bilden den so genannten Nicht-Protein-Thiolpool, der eine entscheidende Funktion für die Redox-Grundregulation der Zelle hat.

Grundsätzlich gilt, dass ein Organismus um so reduzierter sein muss, je komplexer er aufgebaut ist.
Sauerstoffradikale und Stickoxidradikale werden in erster Linie durch den Thiol-Pool neutralisiert. Deshalb kann es beim oxidativen bzw. nitrosativen Stress zu einer Verminderung des Thiol-Pools kommen. Ein Mangel an Thiolen hat erhebliche pathobiochemische Konsequenzen, z.B. eine Funktionsstörung der Mitochondrien mit erhöhter Laktatbildung. Veränderungen des Redoxpotenzials beeinflussen auch die Expression redoxsensitiver Gene. Bei einem Thiolmangel kommt es zu einer TH2-Immundominanz, was die Bekämpfung intrazellulärer Erreger erschwert und die Allergiebildung fördert.

Probleme mit der Glutathionverfügbarkeit ergeben sich häufig auch durch eine hohe Toxinbelastung. Viele Xenobiotika und Chemikalien können nur durch Konjugation mit Glutathion entgiftet werden. Die Glutathionsynthese ist im Wesentlichen abhängig vom Cysteinangebot.Cystein ist auch die Hauptprotonenquelle des Organismus.

Die Leber benötigt ausreichende Mengen an Cysteinprotonen für die Regulation des Harnstoffzyklus. Schwermetalle reagieren sehr leicht mit der SH-Gruppe des Cysteins, deshalb ist bei einer entsprechenden Belastung der Cysteinbedarf deutlich erhöht. Haut, Haare und Nägel enthalten viel Cystein.

Beim Cysteinabbau entsteht aktivierter Schwefel (PAPS), der ein wichtiger Grundbaustein für die Synthese von Proteoglykanen ist (z.B. Chondroitinsulfat, Derma­tansulfat). Ein Cysteindefizit führt zu einem vermehrten Eiweißabbau, zu erhöhter Aktivität des Harnstoffzyklus, zu einem überwiegend glykolytischen Stoffwechsel sowie zu einer verminderten Aktivität der T-Helferzellen, NK-Zellen und Granulozyten. Außerdem wurden bei einem Cysteindefizit beschleunigte Alterungsprozesse an Zellen beobachtet.


Glycin

Glycin ist Ausgangssubstanz zur Synthese von Nukleotiden, Porphyrinen, Kollagenen und Kreatin. Es ist Bestandteil von Gallensäuren und an hepatischen Konjugationsreaktionen beteiligt. Glycin wirkt als inhibitorischer Neurotransmitter im Rückenmark, deshalb kann es bei einem Glycinmangel zu Störungen der Motorik, z.B. Spasmen, kommen.

Tierexperimentell wurden hepatoprotektive Effekte nachgewiesen, z.B. eine Verminderung der alkoholinduzierten TNF-Produktion. Der STH-stimulierende Effekt des Glycin wurde in einer japanischen Studie nachgewiesen (6,75 g vor dem Schlafengehen).

 

Glutamin

Glutamin ist die Aminosäure mit der höchsten Konzentration im Blutplasma und in der Muskulatur. Diese Aminosäure hat in den letzten Jahren vermehrt das Interesse und die therapeutische Anwendung in der klinischen Medizin gefunden, nachdem in einigen Studien die wichtige Funktion des Glutamin für die Integrität der Darmmukosa und die Aktivität des Immunsystems nachgewiesen wurde.

Für die Enterozyten und Immunzellen ist Glutamin ein essentielles Nährsubstrat. Bei erhöhtem physischen und auch psychischen Stress kann es relativ schnell zu einer Verarmung des Glutaminpools kommen; dies führt zu einem Immundefizit und zu einer Störung der Darmmukosa (leaky gut syndrome). In katabolen Stoffwechselsituationen kann die endogene Glutaminsynthese den erhöhten Bedarf nicht mehr decken. Glutaminabhängig sind die Differenzierung der T-Zellen zu Plasmazellen, die Interleukin1-Synthese und die Phagozytosefähigkeit der Makrophagen. Glutamin ist eine wichtige Ausgangssubstanz für die GABA-Synthese und notwendig für den Erhalt der Muskulatur. Glutaminsupplemente stimulieren die Bikarbonatproduktion und fördern die Regeneration der Muskulatur nach erhöhter physischer Belastung.

Bei Leistungssportlern konnte durch die Supplementierung von Glutamin die Infektanfälligkeit deutlich vermindert werden. Glutamin ist ein potenter Stimulator der STH-Sekretion mit der vergleichsweisen geringen Menge von zwei Gramm.

 

Lysin

Lysin ist erforderlich für die Synthese von Kollagen und Elastin und ist dadurch Baustein von Knochen, Bindegewebe und Gefäßwänden. Nach Untersuchungen von Rath reduzieren Lysin und Prolin das atherogene Potenzial von Lipoprotein (a); die Progredienz der Atherosklerose wird verlangsamt.

Lysin fördert die Calciumresorption aus dem Darm. Eine Nahrungsergänzung mit Lysin ist sinnvoll bei Osteoporose und häufig auch zur Osteoporoseprophylaxe. Lysin ist neben S-adenosyl-Methionin Ausgangssubstanz für die Carnitinsynthese. Eine Kombination aus 1200 mg Arginin und 1200 mg Lysin erwies sich als effektiver Stimulator der STH-Sekretion.

 

Taurin

Taurin ist ein Metabolit des Cysteins mit sehr vielfältigen biologischen Eigenschaften. Es erhöht die Aktivität von NK-Zellen und verbessert die antimikrobielle Kapazität der neutrophilen Granulozyten. Gleichzeitig schützt Taurin die Körperzellen vor unerwünschten cytotoxischen Effekten durch den &bdquo;respiratory burst&ldquo; der Leukozyten. Taurin hat positiv inotrope, antihypertensive und antiarrhythmische Eigenschaften; es vermindert die Thrombozytenaggregation. In asiatischen Ländern ist Taurin ein weit verbreitetes Kardiotonikum.

Im ZNS wirkt Taurin als inhibitorischer Neurotransmitter und hat antikonvulsive Eigenschaften. Taurin wirkt insgesamt stabilisierend auf elektrisch erregbare Zellmembranen über eine Interaktion mit Calcium- und Magnesium-Ionen. Es ist ein wichtiges Antioxidans für Lungen, Niere und Augen. Ein Taurindefizit erhöht die Anfälligkeit des Lungenepithels gegen Reizgase wie Ozon und Formaldehyd. Taurin ist an der Entgiftung toxischer Xenobiotika beteiligt sowie an der Bildung der Gallensäuren. Taurinsupplemente können das Risiko für Gallensteine vermindern.

Beim Diabetes mellitus besteht ein erhöhter Taurinbedarf; ein ausreichendes Taurinangebot ist ein wesentlicher Schutzfaktor gegen diabetische Spätschäden. Es hat eine protektive Wirkung gegen Katarakt und Makuladegeneration. Taurin ist Bestandteil von manchen Augentropfen.

 

Tryptophan

Tryptophan ist die Aminosäure, die am wenigsten in Nahrungsmitteln vorkommt und wird bedarfsabhängig zu NAD verstoffwechselt. Tryptophan stimuliert die Polysomenbildung in der Leber und reguliert die hepatische Proteinsynthese. Aus Tryptophan wird Serotonin gebildet, das sehr vielfältige biologische Funktionen hat. In Abhängigkeit vom Rezeptortyp ist Serotonin an der Regulierung von Blutdruck, Endokrinum, Schlaf-Wach-Rhythmus, Stimmung, Appetit, Schmerzempfindung etc. betei ligt.

Tryptophan sollte zusammen mit Kohlenhydraten eingenommen werden. Dadurch erhöhen sich die Tryptophanverfügbarkeit und Serotoninsynthese im ZNS. Einige Depressionsformen lassen sich mit Tryptophan sehr günstig beeinflussen; außerdem hat es eine Schlaf induzierende Wirkung.

Eine Tryptophan-Supplementierung kann bei vielen psychovegetativen Störungen sinnvoll sein: Melatonin wird aus Serotonin mit Hilfe von SAM gebildet. Wissenschaftlich gesichert sind die regulierenden Effekte von Melatonin auf die Zellteilung, Signalübertragung und den Tag-/ Nachtrhythmus. Die häufig beschriebene antioxidative Wirkung des Melatonin beruht in vivo hauptsächlich auf einer Stimulierung der Synthese der Glutathionperoxidase. Melatonin wird gerne als &bdquo;age-reversing hormone&ldquo; bezeichnet, was auf Grund des derzeitigen Erkenntnisstandes sicherlich etwas überhöht sein dürfte.

 

Tyrosin

Tyrosin ist die Ausgangssubstanz für die Synthese der Katecholamine und Schilddrüsenhormone; ein Mangel kann zu einer reduzierten Bildung von Neurotransmittern und Hormonen führen.

Eine klassische Dopamin-Mangelerkrankung ist der Morbus Parkinson. Auch bei Erschöpfungszuständen, Depressionen, Morbus Alzheimer kann der Dopaminhaushalt gestört sein. Eine Tyrosinsupplementierung führt häufig zu einer Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten; dies wurde in einigen Studien nachgewiesen.

 

Aminosäurenderivate

Glutathion, Carnitin und Coenzym Q sind Aminosäurenabkömmlinge, die eine wichtige Bedeutung im Zell- und Organstoffwechsel haben. Glutathion spielt, wie schon erwähnt, eine zentrale Rolle für die Redoxregulation des Zellstoffwechsels. Coenzym Q und Carnitin leisten einen erheblichen Beitrag zur Verbesserung oder zur Erhaltung der Mitochondrienfunktion. Neuerdings findet das Dipeptid Carnosin zunehmend Interesse in der Anti-Aging-Medizin, nachdem in zahlreichen Studien Anti-Aging-Effekte nachgewiesen wurden. Carnosin schützt Proteine vor Cross linking, Carbonylierung und Bildung von AGEs. In langlebigen Zellen wie den Neuronen spielt Carnosin eine wichtige cytoprotektive Rolle. Eine hohe Carnosinkonzentration im Gehirn schützt die Thiol-Gruppen vor Oxidation, vermindert die Toxizität freier Metallionen und schützt gegen die Excitoxizität der Glutaminsäure. In Zellkulturen zeigte sich nach einer Zugabe von Carnosin eine Verlängerung der Teilungsfähigkeit von Fibroblastenzellen; morphologisch sichtbare Alterungserscheinungen wurden rückgängig gemacht.

Carnosin verfügt über ein erhebliches zellschützendes Potenzial; diese Substanz wird sicherlich in der Anti-Aging-Medizin an Bedeutung gewinnen. Aminosäuren und ihre Abkömmlinge leisten einen wichtigen Beitrag für ein erfolgversprechendes Anti-Aging-Konzept: Bekanntlich ist eine sinnvolle Kombination antioxidativer Wirkstoffe wesentlich effektiver als die hochdosierte Substitution von Einzelsubstanzen, z.B. Vitamin C. Gerade bei der Bekämpfung freier Radikale haben die Aminosäuren Arginin, Cystein und Taurin eine spezifische Funktion und können auch nicht durch andere Substanzen ersetzt werden.

Dass Aminosäuren ein Thema sind, beweist die große Zahl wissenschaftlicher Publikationen, die sich mit der biochemischen, zellbiologischen und klinischen Bedeutung der Aminosäuren beschäftigen. Allein zum Stichwort Arginin sind in der Medline-Bibliothek mehr als 50.000 Abstracts veröffentlicht. Eine große Zahl brandaktueller Veröffentlichungen gibt es auch über Taurin.

Aminosäurendefizite sind nicht ohne weiteres erkennbar und ergeben auch kein typisches klinisches Bild: Grundsätzlich sollte vor der Nahrungsergänzung mit Aminosäuren eine entsprechende Labordiagnostik erfolgen. Man kann durch eine hochdosierte Supplementierung ohne Nachweis eines Defizits auch Aminosäuren-Imbalancen auslösen, die nachteilige Effekte haben können.

 

 

Referenzen:

 

  • Halliwell, Gutteridge, Free Radicals in Biology and Medicine
  • Oxford University Press
  • Braverman, The healing nutrients within, Keats publishing
  • Heufelder/ Bieger, das Anti-Aging-Konzept, Gräfe und Unzer
  • Arndt/ Albers, Handbuch Proteine und Aminosäuren, Novagenics Verlag
  • Gröber, Orthomolekulare Medizin, WVG
  • Ohlenschäger G., Freie Radikale, Oxidativer Stress und Antioxidantien, Reglin Verlag
  • Biesalski, Ernährungsmedizin, Georg Thieme Verlag Stuttgart
 
Veröffentlicht:
CO`MED Nr. 8/ 2002; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler

 

 

Unsere Empfehlung für eine Mikronährstoffanalyse: Aminosäuren-Komplettprofil

 

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