Wie aus den Daten der Nationalen Verzehrstudie II (NVS II) ersichtlich, ist die Mikronährstoffversorgung bei Senioren alles andere als befriedigend. Besonders schlecht ist die Versorgungslage bei Folsäure und Vitamin D. 94,2 Prozent der Männer zwischen 65 und 80 und 97,4 Prozent der Frauen im gleichen Altersabschnitt haben eine zu geringe Vitamin-D-Zufuhr. Was die Folsäure betrifft, sind 90,8 Prozent der älteren Frauen und 89,5 Prozent der älteren Männer unterversorgt. Auch bezüglich der Vitamine B1, B2 und E sowie Calcium und Magnesium ist die Versorgung insgesamt unbefriedigend.
Anfang Juni 2010 diskutierte eine renommierte Expertenrunde an der Universität Hohenheim die Frage: „Vitaminversorgung in Deutschland – ein Grund zur Sorge?“ Der Tenor der Veranstaltung war, dass die Vitaminversorgung in Deutschland deutlich besser werden muss, ansonsten droht ein Anstieg typischer Alterskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Osteoporose und Demenz.
In den letzten Jahren erschienen zahlreiche Fachartikel, die sich mit den Zusammenhängen zwischen altersassoziierten Erkrankungen und der Versorgung mit einzelnen Mikronährstoffen beschäftigen.
Folsäure ist ein wichtiger Methylgruppen-Donator im Stoffwechsel und an vielen biochemischen Reaktionen beteiligt. Eine Erhöhung der Homocysteinkonzentration ist häufig Folge einer unzureichenden Folsäure-Versorgung. In einer placebokontrollierten niederländischen Studie erhielten mehr als 800 Probanden täglich entweder ein Placebopräparat oder 800 mg Folsäure über einen Zeitraum von drei Jahren. Am Studienende hatte die Verumgruppe bei der Gedächtnisleistung, der Informationsverarbeitung und der sensomotorischen Geschwindigkeit signifikant bessere Ergebnisse als die Kontrollpersonen. Die Einnahme von Folsäure führte dazu, dass die Leistungen bei der Folsäuregruppe mit denen von zwei bis fünf Jahre jüngeren Menschen vergleichbar war.
2007 wurde im „Lancet“ eine Metaanalyse der Feinberg School of Medicine in Chicago publiziert, die sich mit der Frage beschäftigte, inwieweit Folsäure eine präventive Wirkung auf Schlaganfall hat. Dazu wurden 8 randomisiert kontrollierte Studien ausgewertet; es zeigte sich eine grenzwertig signifikante Reduktion der Schlaganfallhäufigkeit um 18 Prozent.
Wissenschaftler der Universität Oxford untersuchten bei 107 Personen im Alter von 61 bis 87 Jahren kernspintomographisch die Hirngröße sowie die Konzentration verschiedener Vitamine. Die gleichen Untersuchungen wurden nach fünf Jahren wiederholt. Dabei zeigte sich, dass die altersbedingte Hirnatrophie bei den Probanden mit der niedrigsten B12-Konzentration in der Ausgangsuntersuchung am größten war. Im Drittel mit der niedrigsten B12-Konzentration (< 416 ng/ l) wurden mehr als sechsfach häufiger Verluste an Hirnvolumen festgestellt.
Eine hohe Vitamin-C-Aufnahme war bei älteren Männern mit geringeren Knochenverlusten verbunden, so die Ergebnisse der Framingham Osteoporosis Study. In einer mexikanischen Studie wurde nachgewiesen, dass eine Supplementierung von 400 I.E Vitamin E und 1000 mg Vitamin C über einen Zeitraum von einem Jahr das Voranschreiten der altersassoziierten Osteoporose deutlich verminderte.
Bei 827 Personen über 65 Jahren wurde ein Zusammenhang zwischen der Vitamin-E-Konzentration und der Entwicklung von Gebrechlichkeit untersucht. Das Risiko, gebrechlich zu werden, war bei den Probanden mit den höchsten Vitamin-E-Konzentrationen deutlich geringer als bei den Probanden mit den niedrigsten Vitamin-E-Spiegeln.
Zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kam eine Studie, die 2008 in JAMA publiziert wurde. Bei 698 älteren Personen waren niedrige Vitamin-E-Konzentrationen mit einem stärkeren körperlichen Abbau assoziiert.
In den letzen Jahrzehnten hat sich eindrucksvoll gezeigt, dass das Vitamin D über seine Bedeutung als Knochenvitamin hinaus vielfältige Funktionen im Stoffwechsel inne hat. Nach US-amerkanischen und niederländischen Daten weisen über 50 Prozent der Senioren einen Vitamin-D-Mangel auf. Die körpereigene Vitamin-D-Bildung in der Haut verringert sich mit zunehmendem Lebensalter, mit 70 Jahren beträgt sie nur noch 50 bis 70 Prozent der Leistung in jüngeren Jahren.
Eine gute Vitamin-D-Versorgung hat einen protektiven Effekt gegen zahlreiche altersassoziierte Erkrankungen. Aus der Vielzahl von Publikationen zu diesem Thema können hier natürlich nur einige Beispiele aufgeführt werden.
Durch Supplementation von Vitamin D lässt sich die Sturzrate bei Menschen über 65 Jahren deutlich reduzieren, so das Ergebnis einer Metaanalyse von acht Studien mit insgesamt 2426 Teilnehmern. 25-OHD-Spiegel unter 60 nmol/ l übten keinen Schutzeffekt aus.
Im Rahmen der European Male Ageing Study (EMAS) wurden bei 3133 Männern im Alter zwischen 40 und 79 Jahren die Vitamin-D-Konzentrationen im Blut gemessen sowie eine Reihe von Testes zur kognitiven Leistungsfähigkeit durchgeführt. Die Studienteilnehmer mit höherer Vitamin-D-Konzentration schnitten bei den Tests, bei denen es um Aufmerksamkeit, Merkfähigkeit und Verarbeitungsgeschwindigkeit ging, durchweg besser ab als die Studienteilnehmer mit niedrigeren Vitamin-D-Spiegeln. Dieser Effekt war umso ausgeprägter, je älter die Männer waren.
2007 wurden die Ergebnisse einer großen Metaanalyse publiziert, in der der Effekt einer Supplementierung von Vitamin E auf die Sterblichkeit untersucht wurde. Dabei zeigte sich, dass die Menschen, die zusätzlich zur Nahrung Vitamin D einnahmen, ein um sieben Prozent niedrigeres Sterberisiko aufwiesen als diejenigen, die keine Nahrungsergänzungsmittel schluckten.
In einer großen US-amerikanischen Studie, in der die Daten von 27.686 Menschen ab 50 ausgewertet wurden, lag die Sterbewahrscheinlichkeit bei den Probanden, die wenig Vitamin D im Blut aufwiesen, um 75 Prozent höher als bei Menschen mit normalen Werten. Ein Vitamin-D-Mangel erhöhte das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 45 Prozent, die Gefahr eines Apoplex sogar um 78 Prozent. Ein hoher Vitamin-D-Spiegel halbiert einer Metaanalyse zufolge das Diabetesrisiko. Auch das metabolische Syndrom war bei Probanden mit hohen Vitamin-D-Spiegeln nur halb so häufig wie bei Studienteilnehmern mit wenig Vitamin D.
Niedrige Vitamin-D-Konzentrationen könnten auch das Risiko für M. Parkinson erhöhen, so jedenfalls die Ergebnisse des Mini-Finland Health Survey.
Bei 50 älteren Menschen im Alter zwischen 55 und 87 Jahren wurde der Effekt einer Zinksupplementierung auf die Infekthäufigkeit untersucht. Die Verumgruppe erhielt 45 mg Zink täglich über einen Zeitraum von 12 Monaten. Während dieses Zeitraums wurde das Auftreten von Infektionen dokumentiert, außerdem wurden verschiedene immunologische Parameter vor und nach der Therapie bestimmt. Im Vergleich zu einer Gruppe jüngerer Erwachsener hatten die älteren Versuchsteilnehmer signifikant niedrigere Zinkkonzentrationen, erhöhte Marker von inflammatorischen Zytokinen und oxidativem Stress. Bei den Probanden, die Zink eingenommen hatten, traten Infektionen deutlich seltener auf, und die Bildung von Entzündungsmarkern und oxidativem Stress war signifikant niedriger als in der Placebogruppe.
Mit zunehmendem Lebensalter kommt es auch zu Veränderungen im Aminosäurenstoffwechsel. Man kann dann feststellen, dass sich die Cysteinkonzentration im Blutserum/ Plasma vermindert. Cystein spielt eine erhebliche Rolle für die antioxidative Kapazität und ist die wichtigste Ausgangssubstanz für die Bildung von Glutathion. In verschiedenen klinischen Studien verbesserte eine Cysteinsupplementierung die Funktion der Skelettmuskulatur, die Immunfunktionen und die Plasma-Albuminspiegel, und sie verminderte die Plasmaspiegel des Entzündungsmarkers TNF-Alpha. All diese Parameter verschlechterten sich im Alter. Es ist also durchaus anzunehmen, dass ein Cysteinmangel, zumindest teilweise, zu altersassoziierten Beschwerden beiträgt und dass auch die Aufnahme von Cystein wahrscheinlich suboptimal ist. In älteren Lebensjahren erhöht sich im Plasma der Anteil an Cystin. Das Verhältnis Cystin zu Cystein wird größer.
Auch auf die Verfügbarkeit der verzweigtkettigen Aminosäuren sollte im Seniorenalter mehr Wert gelegt werden. Es ist schon länger bekannt, dass die essentiellen Aminosäuren, insbesondere die verzweigtkettigen Aminosäuren, die Muskelproteinsynthese stimulieren können; dabei ist Leucin der stärkste Stimulator. Es wurde festgestellt, dass insbesondere ältere Menschen höhere Dosen an verzweigtkettigen Amiosäuren benötigen, um die Muskelproteinsynthese anzuregen. Während des Alterungsprozesses kommt es also zu einer Verminderung des anabolen Effektes. Es gibt Hinweise, dass die Muskelproteinsynthese bei älteren Menschen gesteigert werden kann, wenn sie eine kleine Menge essentielle Aminosäuren einnehmen, die aber einen hohen Anteil an Leucin enthalten. Wenn der Leucinanteil geringer ist, besteht kein anaboler Effekt. In einer japanischen Studie konnte genau dies nachgewiesen werden. Ältere Frauen mit Sarkopenie erhielten über drei Monate eine Mischung essentieller Aminosäuren mit einem hohen Leucinanteil, die Kontrollgruppe erhielt kein Präparat. Die Aminosäurenmischung wurde zweimal täglich über einen Zeitraum von drei Monaten verabreicht. Bei den Personen, die diese Aminosäuren eingenommen hatten, wurden nach den drei Monaten eine Erhöhung des fettfreien Körperanteils festgestellt, außerdem war die Gehgeschwindigkeit und die maximale Gehstrecke signifikant höher als bei den Kontrollpersonen.
Carnitin spielt eine wichtige Rolle im Energiestoffwechsel. Gerade bei älteren Menschen kann eine Carnitinsupplementierung zur Verbesserung der psychischen und physischen Befindlichkeit sinnvoll sein. Italienische Wissenschaftler erprobten die Wirksamkeit von Acetyl-L-Carnitin bei älteren Personen und konnten nachweisen, dass Acetyl-L-Carnitin sowohl die physische wie auch die mentale Müdigkeit verminderte und körperliche Funktionen sowie den kognitiven Status verbesserte. In einer Studie aus China konnte die Wirksamkeit von Acetyl-L-Carnitin zur Verbesserung der Herzfunktion bei älteren Patienten mit Herzinsuffizienz nachgewiesen werden.
Coenzym Q10 hat eine zentrale Bedeutung für die mitochondriale ATP-Synthese und ist ein wichtiges lipophiles Antioxidans. Es gibt Hinweise, dass Coenzym Q10 bei verschiedenen neurodegenerativen Erkrankungen von Nutzen sein könnte, allerdings reichen die Daten für eine endgültige Beurteilung noch nicht aus.
Abschließend kann gesagt werden, dass eine optimale Versorgung mit Mikronährstoffen eine der sinnvollsten präventiven Maßnahmen gegen altersbedingte Erkrankung ist. Um festzustellen, welche Mikronährstoffe im Defizit sind, ist allerdings die Durchführung einer Mikronährstoffanalyse des Blutes unbedingt zu empfehlen. Nur so können Mikronährstoffmängel erkannt und auch gezielt behoben werden.
Referenzen:
Veröffentlicht:
Report Naturheilkunde, Oktober 2010, Ausgabe 5; Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler
Bild: Rainer Sturm, pixelio.de