Etwa jeder zehnte Bundesbürger leidet unter einem chronischen Ohrgeräusch (Tinnitus). Ein Tinnitus kann viele verschiedene Ursachen haben: Hörsturz, Innenohrschädigungen, Durchblutungsstörungen, psychischer Stress, Arzneimittel. Im akuten Zustand zielen alle Therapien darauf ab, einen Sauerstoffmangel zu beseitigen und eine Chronifizierung zu verhindern. Beim chronischen Tinnitus sind die therapeutischen Optionen bis dato eher beschränkt. Die Anwendung von Mikronährstoffen kann das Behandlungsspektrum erweitern.

Etwa 15.000 Menschen jährlich sind von einem Hörsturz betroffen. Bei dieser Erkrankung ist die Spontanheilungsrate relativ hoch. Es existiert eine große Anzahl von Schädigungshypothesen des Ohres, woraus sich dann verschiedene Behandlungsmethoden ableiten, deren Wirksamkeit aber umstritten ist. Bei Hörsturz sowie bei anderen Schallempfindungsstörungen kann eine Therapie mit Mikronährstoffen hilfreich sein. Im Folgenden werden nun Mikronährstoffe vorgestellt, die bei verschiedenen Hörstörungen entweder in ihrer Konzentration vermindert waren oder mit Erfolg therapeutisch eingesetzt wurden. Tinnitus und Hörsturz sind auch Krankheitsbilder, die sehr eng mit psychischem Stress zusammenhängen, so dass ein breites Spektrum an Mikronährstoffen anwendbar ist.

 

Cystein

In verschiedenen Studien wurde N-Acetylcystein bei lärminduzierten Hörstörungen eingesetzt. NAC kann lärminduzierte Innenohrschäden vermindern, die offensichtlich zu einem großen Teil auf einer vermehrten Freisetzung freier Radikale beruhen.

 

Carnitin

Auch Carnitin erwies sich als wirksame Substanz bei der Behandlung von Lärmschäden. Sowohl NAC als auch Carnitin stabilisierten die Mitochondrienfunktion und verminderten Haarzellverluste.

 

Folsäure

In einer niederländischen Studie erhielten 728 ältere Männer und Frauen mit einer Homocysteinkonzentration größer als 13 µmol/ l entweder 800 µg Folsäure oder ein Placebopräparat über einen Zeitraum von drei Jahren. Bei den Probanden mit Folsäuresupplementierung kam es im Bereich der Sprachfrequenzen zu einer geringeren Verminderung des Hörvermögens im Vergleich zur Kontrollgruppe. Bei hohen Frequenzen war die Folsäuresupplementierung nicht effektiv.

 

Vitamin B12

In einer israelischen Studie wurde die Vitamin-B12-Konzentration bei 130 Armeeangehörigen untersucht, die erhöhten Lärmpegeln ausgesetzt waren. Bei 57 Personen wurden ein chronischer Tinnitus oder lärminduzierte Gehörschäden festgestellt. Bei etwa der Hälfte dieser 57 Patienten wurden Vitamin-B12-Konzentrationen unter 250 pg/ ml nachgewiesen. Von den Kontrollpersonen hatten nur 19 Prozent erniedrigte Vitamin-B12-Konzentrationen. Durch eine Vitamin-B12-Supplementierung wurde bei 12 Patienten eine Verbesserung der Tinnitusbeschwerden erreicht. Die Autoren der Studie empfehlen eine routinemäßige Vitamin-B12-Bestimmung bei Patienten mit Tinnitus.

 

Coenzym Q10

In einer Studie der Charité in Berlin wurde festgestellt, dass eine Coenzym-Q10-Supplementierung die Tinnitusbeschwerden bei Patienten mit niedrigen Q10-Konzentrationen deutlich besserte. Damit wurde erstmals der therapeutische Effekt von Coenzym Q10 bei chronischem Tinnitus nachgewiesen.
In einer Studie der katholischen Universität Rom konnte ein Zusammenhang zwischen einem Hörsturz und der Q10-Konzentration gezeigt werden. Niedrige Q10-Konzentrationen sowie hohe Konzentrationen von Gesamtcholesterin und LDL-Cholesterin waren signifikant mit dem Risiko für Hörsturz assoziiert.

 

Sonstige

Eine Kombination der Vitamine A, E und C in Verbindung mit Magnesium konnte effektiv die Entstehung eines Lärmtraumas verhindern. Dabei verminderte Magnesium eine lärminduzierte Vasokonstriktion der kleinen Blutgefäße. In einer Studie der Universität Padua wurde der Effekt einer Antioxidantiensupplementierung bei 31 Tinnituspatienten untersucht. Die Antioxidantienkombination bestand aus einer Mischung von Phospholipiden, den Vitaminen C und E sowie Betacarotin. Die Verabreichung der Antioxidantienmischung führte zu einem signifikanten Abfall von Malondiadehyd; außerdem kam es zu einer großen Verbesserung der subjektiven Tinnitusbeschwerden. Bei der Audiometrie konnte keine Veränderung festgestellt werden. Die Autoren der Studie empfehlen eine orale Antioxidantientherapie als sinnvolle additive Behandlungsmöglichkeit bei Tinnitusbeschwerden.

Wie bereits erwähnt, spielt der psychische Stress eine zentrale Rolle bei der Entstehung des Tinnitus und des akuten Hörsturzes. Deshalb ist es auch sinnvoll, eine gezielte Mikronährstofftherapie mit den Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Aminosäuren durchzuführen, die für das Nervensystem erforderlich sind. Eine gezielte Mikronährstofftherapie heißt, dass diese auf einer vorausgehenden Laboranalyse basiert. Nur aufgrund einer Blutanalyse sind Mikronährstoffmängel exakt festzustellen. Das Burn-out-Screening des Diagnostischen Centrums hat sich bei Patienten mit Tinnitus sehr gut bewährt.

 

 

Referenzen:
  1. Colleen G Le Press et al.: Free radical scavengers, vitamins A, C and E, plus magnesium reduces noise trauma; Free Radical Biol Med. 2007 May 1; 42(9): 1454-1463.
  2. Durga J et al.: Effects of folic acid supplementation on hearing in older adults : a randomized, controlled trial ; Ann Intern Med. 2007 Jan 2; 146(1):1-9.
  3. Kopke RD et al.: NAC for noise from the bench top to the clinic; Hear Res. 2007 Apr; 226(1-2): 114-25. Epub 2006 Dec 20.
  4. Cadone G et al.: Coenzym Q10 and cardiovascular risk factors in idopathic suddensensorineural hearing loss patients ; Otol Neurotol. 2007 Oct; 28(7): 878-83
  5. Weitere Literatur beim Verfasser.

Autor:
Dr. med. Hans-Günter Kugler, 18. März 2008

 

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