Übergewicht und Adipositas sind in den Industrienationen inzwischen das gravierendste Gesundheitsproblem und begünstigen die Entstehung zahlreicher Erkrankungen. Nach Schätzung der WHO gehen etwa 44 Prozent aller Diabetesfälle auf Adipositas zurück. Übergewicht ist die Folge einer positiven Energiebilanz, d.h. einer zu hohen Nahrungsenergiezufuhr. Wie verschiedene Studien gezeigt haben, ist aber eine hohe Nahrungsenergiezufuhr keineswegs gleichbedeutend mit einer optimalen Nährstoffversorgung. Vielmehr gehören gerade Übergewichtige zu der Risikogruppe, bei der am häufigsten Mikronährstoffdefizite nachgewiesen wurden.

Übergewichtige haben oftmals Ernährungsgewohnheiten, die  Fette und Kohlenhydrate favorisieren bei gleichzeitiger niedriger Aufnahme mikronährstoffreicher Nahrungsmittel wie z.B. Obst und Gemüse.


Eisen

Übergewicht fördert die Entstehung eines Eisenmangels. Das Protein Hepcidin spielt eine wichtige Rolle in der Regulierung des Eisenstoffwechsels, indem es die Eisenaufnahme über den Darm blockiert. Übergewichtige weisen häufig eine Erhöhung er Hepcidinkonzentration auf, die durch den Entzündungsmediator Interleukin-6 vermittelt wird. Bei übergewichtigen Menschen ist deshalb auch die Eisenaufnahme über den Darm eingeschränkt, was dazu führt, dass eine orale Eisentherapie weniger effektiv ist als bei Normalgewichtigen. Im Dezember 2015 wurde im American Journal of Clinical Nutrition eine Studie publiziert, in der Unterschiede in der Eisenabsorption bei übergewichtigen und normalgewichtigen Frauen ermittelt wurden.
Bei übergewichtigen und adipösen Frauen lag die Eisenaufnahme im Vergleich zu den Normalgewichtigen  bei nur zwei Drittel.

Der Vitamin-C-Effekt bei der Eisenaufnahme war nur halb so wirksam wie bei normalgewichtigen Frauen. Normalerweise eignet sich Vitamin C sehr gut zur Verbesserung der Eisenresorption. Dies dürfte aber bei übergewichtigen Menschen nur in begrenztem Umfang zutreffen.

 

Vitamin B1

Verschiedene US-Wissenschaftler publizierten im März 2015 einen Übersichtsartikel zum Thema Vitamin-B1-Mangel bei Übergewichtigen. Aus dem Artikel geht hervor, dass in den USA zwischen 15,5 und 29 Prozent stark übergewichtiger Patienten, die einen adipositas-chirurgischen Eingriff vornehmen wollten, einen Vitamin B1-Mangel aufwiesen. Bekanntlich ist Vitamin B1 von zentraler Bedeutung für den Kohlenhydratabbau. Mit großer Wahrscheinlichkeit kommt der Vitamin-B1-Mangel durch einen erheblichen Verzehr einfacher Zucker und Kohlenhydrate zustande. Einfachen Kohlenhydraten fehlt nicht nur Vitamin B1, sondern sie benötigen auch sehr viel Vitamin B1 zu ihrer Verstoffwechselung. Es gibt Hinweise aus Untersuchungen, dass eine sehr hohe Zufuhr von Kohlenhydraten zu einem Abfall der Vitamin-B1-Spiegel führte. Mit anderen Worten: Es wird für die Verstoffwechselung dieser Kohlenhydrate vermehrt Vitamin B1 verbraucht.


Vitamin B12

Auch Vitamin B12 ist ein Risikomikronährstoff bei übergewichtigen Menschen. Da Übergewichtige vermehrt einen Typ-2-Diabetes entwickeln und deshalb Metformin einnehmen, entsteht aufgrund dieser Medikamenteneinnahme häufig ein Vitamin-B12-Mangel. Wissenschaftler aus England und Indien publizierten, dass niedrige Vitamin-B12-Spiegel mit vermehrter Adipositas und Insulinresistenz während der Schwangerschaft assoziiert waren. Verschiedene Forscher aus Australien konnten nachweisen, dass fast ein Drittel Heranwachsender mit Adipositas und Insulinresistenz einen grenzwertigen oder niedrigen B12-Status aufwies.

Bei amerikanischen Kindern mexikanischer Abstammung zeigte sich in einer Studie ein inverser Zusammenhang zwischen den Serumkonzentrationen der Vitamine B12/Folsäure und dem BMI. Höhere B12-Konzentrationen waren mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht assoziiert. Die Aufnahme von Vitamin B1 und B2 waren invers mit dem BMI verbunden.


Vitamin D3

Es ist schon längere Zeit bekannt, dass übergewichtige oder adipöse Menschen niedrige 25(OH)D-Spiegel aufweisen oder deutlich höhere Vitamin D-Dosen zum Erreichen eines bestimmten Spiegels benötigen. Ärztezeitung online berichtete am 14.03.2013 über die Ergebnisse von Genanalysen, die von einem internationalen Forscherteam durchgeführt wurden. Es wurden genetische Daten von über 42.000 Personen aus 21 Kohortenstudien in den USA und Europa ausgewertet. Dies führte letztlich zur Erkenntnis, dass Übergewicht der Grund für die zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel ist, und nicht ein Vitamin-D-Mangel die Ursache für Übergewicht darstellt. Übergewichtige haben bekanntlich oftmals einen zu niedrigen Vitamin-D-Spiegel, allerdings war bislang unklar, was Ursache und was Wirkung ist.
Eine 10-prozentige Gewichtszunahme führt bereits zu einem Rückgang der Vitamin-D-Spiegel von über vier Prozent.

Wissenschaftler aus Italien konnten in einer Studie nachweisen, dass die 25(OH)D-Konzentration nach einer hoch dosierten Vitamin-D-Gabe umso niedriger war, je höher der BMI der Probanden. Daraus kann man schließen, dass bei Übergewichtigen ein erheblicher Anteil des zugeführten Vitamin D im Fettgewebe abgelagert oder gebunden wird.


Andere Mikronährstoffe

Es gibt auch Hinweise aus Studien über Probleme mit der Mikronährstoffversorgung Übergewichtiger, betreffend der Vitamine A und E sowie Vitamin B6. Übergewicht und Adipositas sind also gleichzeitig eine Überfluss- und Mangelerkrankung.


Referenzen:

  • Baumgartner J, Smuts CM et al.: Overweight impairs efficacy of iron supplementation in iron-deficient South African children: a randomized controlled intervention; Int J Obes (Lond). 2013 Jan;37(1):24-30.
  • Ana C Cepeda-Lopez, Alida Melse-Boonstra et al.: In overweight and obese women, dietary iron absorption is reduced and the enhancement of iron absorption by ascorbic acid is one-half that in normal-weight women; The American Journal of Clinical Nutrition, First published November 11, 2015
  • Kerns JC, Arundel C, Chawla LS:  Thiamin deficiency in people with obesity; Adv Nutr. 2015 Mar 13;6(2):147-53.
  • Knight BA, Shields BM et al.: Lower Circulating B12 Is Associated with Higher Obesity and Insulin Resistance during Pregnancy in a Non-Diabetic White British Population; PLoS One. 2015 Aug 19;10(8):e0135268
  • Gunanti IR, Marks GC et al.: Low serum vitamin B-12 and folate concentrations and low thiamin and riboflavin intakes are inversely associated with greater adiposity in Mexican American children, J Nutr. 2014 Dec;144(12):2027-33.
  • Ärzte Zeitung online, 14.03.2013: Übergewicht führt zu Vitamin-D-Mangel
  • Camozzi V, Frigo AC et al.: 25-Hydroxycholecalciferol response to single oral cholecalciferol loading in the normal weight, overweight, and obese; Osteoporos Int. 2016 Mar 30.

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