aminogramm

Das Aminosäurenprofil im Blutserum spiegelt den dynamischen Fluss der Aminosäuren wider. Die Verfügbarkeit, besonders der essentiellen Aminosäuren, ist der limitierende Faktor für alle Aminosäuren-abhängigen Stoffwechselreaktionen in den Organen und Geweben. Das Verhältnis der Aminosäuren zueinander hat dabei einen starken Einfluss auf die zelluläre Versorgung, da die Aminosäuren über energieabhängige Transportprozesse in die Zellen aufgenommen werden. Für die 20 Aminosäuren stehen lediglich 8 Transportsysteme zur Verfügung, so dass es zu erheblichen Störungen der Aminosäuren-Aufnahme kommt, wenn diese vor der Zellmembran nicht im richtigen Verhältnis vorliegen. Die Aminosäurenkonzentrationen im Blutserum sind nur in sehr geringem Umfang von der aktuellen Proteinzufuhr abhängig. Bei jungen Männern, denen eine Methionin- und Cystein-freie Eiweißmischung verabreicht wurde, zeigten sich über einen Zeitraum von acht Tagen nur geringe Veränderungen der Plasma-Methionin- und Cystein-Konzentrationen. Die Methioninkonzentrationen im Urin fielen hingegen nach wenigen Tagen sehr stark ab.


Deshalb ist ein Serumprofil die geeignete Methode, die langfristige Versorgung mit Aminosäuren zu beurteilen. Die Aminosäurenkonzentrationen im 24-Stunden-Urin hingegen sind sehr stark von der kurzfristigen Proteinaufnahme abhängig. Eine Urinanalyse eignet sich besonders zur Beurteilung einer Proteinmaldigestion, aber nicht zur Beurteilung der Aminosäurenversorgung des Stoffwechsels.

Bei zahlreichen Erkrankungen wurden Veränderungen der Aminosäurenkonzentrationen festgestellt. Es ist schon länger bekannt, dass die Tryptophankonzentration im Serum/ Plasma einen wesentlichen Einfluss auf die Serotoninsynthese im ZNS hat. Bei schweren internistischen und neurologischen Erkrankungen wurde ein Cystein-/ Glutamin-Mangel-Syndrom nachgewiesen, das typischerweise mit einem vermehrten Muskelproteinabbau und einer verminderten Immunkompetenz einhergeht. Die Citrullin-Konzentration gilt heute als guter Marker für die Dünndarmfunktion. Anhaltender körperlicher Stress führt häufig zu einer Verminderung der Glutaminkonzentration. Bei schweren Lebererkrankungen kommt es typischerweise zu einem Anstieg der aromatischen Aminosäuren, da der Aminosäurenstoffwechsel der Leber gestört ist. In den letzen Jahren wurden vermehrt Studien publiziert, in denen das Aminosäurenprofil zum Screening verschiedener Tumorarten verwendet wurde. Unnormale Spiegel der Aminosäuren im Plasma/ Serum können auch Indikatoren für einen Mangel anderer Mikronährstoffe sein. Erwähnt sei hier die Bedeutung des Vitamins C für die Umwandlung von Prolin zu Proxy-Prolin und die Bedeutung von Vitamin B6, B12 und Folsäure für den Homocysteinmetabolismus etc.

Eine Aminosäurenbestimmung im Blutserum ist eine unverzichtbare Voraussetzung, um das therapeutische Potential der Aminosäuren richtig nutzen zu können. Aminosäuren-Imbalancen, z.B. durch eine ungezielte Einnahme einzelner Aminosäuren, sollten auf jeden Fall vermieden werden, da es durch sie möglicherweise auch zu körperlichen Störungen kommen kann.

Im Februar 2005 fand in Prag ein internationales Symposium statt, das sich mit neuen Therapiestrategien durch Aminosäuren und Proteine beschäftigte. Der Tenor des Symposiums war, dass die therapeutischen Effekte der Aminosäuren durch Studien gut belegt sind, was aber noch nicht in den medizinischen Alltag Einzug gehalten hat.

Eine Nahrungsergänzung mit Aminosäuren ist in der Prävention und Therapie verschiedener Krankheiten hilfreich: Glycin, Taurin und Cystein verbessern die hepatische Entgiftungskapazität. Arginin spielt eine zentrale Rolle für eine normale Endothelfunktion und damit für die Prävention der Arteriosklerose. Die Aminosäuren Arginin und Lysin stimulieren die Osteoblasten und haben deshalb einen bedeutenden therapeutischen Effekt bei der Behandlung der Osteoporose. Die verzweigtkettigen Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin werden im besonderen Maße für den Muskelstoffwechsel benötigt; bei chronischen Lebererkrankungen kann eine Therapie mit diesen Aminosäuren Hirnfunktionsstörungen verhindern. Da einige Aminosäuren Neurotransmitter sind oder Ausgangssubstanzen für die Neurotransmittersynthese, können sie häufig mit Erfolg bei Depressionen, psychischen Befindlichkeitsstörungen etc. eingesetzt werden: z.B. Tryptophan, Tyrosin. Das Immunsystem benötigt in besonderem Maße Arginin, Glutamin und Cystein.

Unbedingt muss vor einer Therapie mit einzelnen Aminosäuren eine Laborbestimmung erfolgen, da eine ungezielte Einnahme von Aminosäuren auch nachteilige Effekte haben kann. Aufgrund der klinischen Symptomatik des Patienten kann ein Aminosäurenmangel nicht festgestellt werden.

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