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Nach den Kriterien der WHO gilt ein systolischer Blutdruck höher als 120 mm Hg und ein diastolischer Blutdruck höher als 80 mm Hg als grenzwertig. Ab 140 mm Hg systolisch oder 90 mm Hg diastolisch liegt eine Hypertonie vor. |
In
Ländern mit einer westlichen Lebensweise leidet etwa jeder Vierte an einer
ausgeprägten Hypertonie. Bezieht man die Grenzwerte der Hypertonie mit ein,
so ist es fast jeder Zweite. Unabhängig von anderen Risikofaktoren besteht
eine direkte Beziehung zwischen der Höhe des Blutdrucks und der Entstehung
von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
85 – 90 Prozent aller Hypertonien sind essentiell, d.h. es ist keine
organische Ursache für die Druckerhöhung nachweisbar oder bekannt.
Verschiedene Einflussfaktoren fördern die Entstehung von Bluthochdruck. Der
chronisch psychosoziale Stress spielt eine große Rolle, der über eine
Daueraktivierung des Sympathikus und über hormonelle Mechanismen eine
Fixierung des hohen Blutdrucks zur Folge hat. Ernährungsfaktoren spielen
ebenfalls eine sehr bedeutende Rolle für die Entstehung oder Vermeidung der
arteriellen Hypertonie. Bluthochdruck tritt gehäuft bei Übergewicht bzw.
Adipositas auf. Deshalb ist eine Gewichtsreduktion bei bestehendem
Übergewicht die effektivste Maßnahme zur Blutdrucksenkung. Wie schon lange
bekannt, sollte man bei einem hohen Blutdruck sparsam mit Kochsalz umgehen.
Bei der heutigen Ernährungsweise liegt die Kochsalzzufuhr mit 10 – 20 g pro
Tag deutlich über dem tatsächlichen Kochsalzbedarf. Der Mensch benötigt nur
2 –3 g Kochsalz täglich, um seinen Natriumbedarf zu decken. Durch eine
Natriumüberladung des Organismus wird eine chronische sympathische
Überaktivität und eine Insulinresistenz gefördert.
Nicht alle Menschen sind gleich kochsalzempfindlich. Neuere Daten zeigen,
dass vor allem die Kaliumzufuhr und das Verhältnis von Kalium zu Natrium
wesentlich zur Blutdruckregulation beiträgt. Ein vermehrter Verzehr
pflanzlicher Proteine anstelle Proteine tierischen Ursprungs scheint
ebenfalls einen günstigen Effekt auf den Blutdruck zu haben. In den USA
wurde in vielen Studien eine blutdrucksenkende Diät erprobt, die so genannte
DASH-Diät. Diese Ernährungsform ist reich an Obst und Gemüse und enthält
sehr wenige gesättigte Fettsäuren, dafür mehr Magnesium und Kalium als die
übliche Mischkost.
Mikronährstoffe bieten vielfältige therapeutische Möglichkeiten für die
Prävention und Behandlung der arteriellen Hypertonie. Ansatzpunkt für eine
Therapie mit Mikronährstoffen ist eine Verbesserung der antioxidativen
Kapazität und der Endothelfunktion. Letzteres deshalb, weil die Hypertonie
eng mit einer endothelialen Dysfunktion assoziiert ist.
Vitamin D
Bei einem Vitamin-D-Mangel steigt das Risiko für die Entwicklung einer
arteriellen Hypertonie etwa um den Faktor 3. Dies haben Daten der
Nurses´Health Study und der Health Professionals Follow-Up Study gezeigt. Es
gibt Hinweise, dass Vitamin D einen protektiven Effekt auf das Gefäßendothel
ausübt, indem es z.B. die schädlichen Wirkungen von AGEs auf die
Endothelfunktion verhindert. Vitamin D ist auch an der endokrinen
Regulierung des Renin–Angiotensin-Systems beteiligt. Ein Vitamin-D-Mangel
stimuliert die Renin-Expression.
Vitamin C, Vitamin E
In verschiedenen Studien wurde bei Hypertonikern eine Erhöhung von Markern
des oxidativen Stresses nachgewiesen, z.B. Malondialdehyd und 8-Isoprostan.
Oxidativer Stress scheint also an der Pathophysiologie der arteriellen
Hypertonie beteiligt zu sein. In einer randomisierten Doppelblindstudie
erhielten 110 Männer mit arterieller Hypertonie über einen Zeitraum von 8
Wochen entweder 1g Vitamin C plus 400 IE Vitamin E oder ein Placebo. Die
Patienten der Verum-Gruppe hatten danach signifikant niedrigere systolische
und diastolische Blutdruckwerte und eine bessere antioxidative Kapazität als
die Patienten aus der Placebogruppe (Universität von Santiago, Chile).
In einer Studie der Universität Pisa führte die Supplementierung von 1g
Vitamin C und 400 IE Vitamin E bei 30 männlichen Hypertoniepatienten zu
einer signifikanten Verbesserung der flussbedingten Vasodilatation (FMD) und
der Pulswellengeschwindigkeit.
In einer Zellkulturuntersuchung der University of Sherbrooke, Kanada, konnte
nachgewiesen werden, dass Vitamin C die Bindungsaffinität des
At(1)-Rezeptors verminderte. Die Stimulierung dieses Rezeptors durch
Angiotensin 2 führt zu einer Gefäßverengung und begünstigt die Entwicklung
von Bluthochdruck.
Auf der American Heart Association Conference 2008 wurde eine weitere Studie
von Wissenschaftlern der Universität Pisa vorgestellt. 12 Patienten mit
essentieller Hypertonie hatten 3 g Vitamin C intravenös erhalten. Danach
wurden 20 Minuten lang der Blutdruck und die sympathische Aktivität
aufgezeichnet. Die sympathische Aktivität sank um 11 Prozent, außerdem kam
es zu einer signifikanten Verminderung des diastolischen Blutdrucks sowie zu
einem Anstieg der antioxidativen Kapazität. Eine wichtige Erkenntnis dieser
Untersuchung ist, dass durch eine intravenöse Applikation von Vitamin C die
Sympathikusakivität vermindert werden kann.
Unter Federführung von Wissenschaftlern der University of California wurde
ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Blutdruck und der
Vitamin-C-Plasmakonzentration untersucht. An der Studie nahmen 242 Frauen
schwarzer und weißer Hautfarbe im Alter von 18 – 21 Jahren teil, dabei
handelte es sich um eine Kohorte der „National Heart, Lung and Blood
Institute Growth and Health Study“. Die Wissenschaftler untersuchten im
zehnten Jahr dieser Langzeitstudie die Assoziation der Plasmaascorbinsäure
mit dem Blutdruck. Es zeigte sich, dass Frauen mit der höchsten
Vitamin-C-Konzentration durchschnittlich den niedrigsten Blutdruck
aufwiesen. Vitamin C könnte also einen günstigen Effekt auf die
Blutdruckregulation im jungen Erwachsenenalter haben.
Homocystein, Folsäure, Vitamin B6,
Vitamin B12
Erhöhtes Serum-Homocystein wird seit vielen Jahren mit atherosklerotischen
Gefäßveränderungen in Verbindung gebracht. Eine Analyse der Daten des
Bundesgesundheitssurvey 1998 ergab, dass bei Männern eine positive,
signifikante und altersunabhängige Assoziation mit Serumhomocystein für die
arterielle Hypertonie bestand. Einen signifikanten Zusammenhang zwischen
erhöhten Homocysteinwerten und dem Hypertonierisiko wurde auch in einer
iranischen Studie, dem Teheran Homocystein Survey 2003 – 2004, festgestellt.
In einer Studie der Universität Peking, im November 2008 publiziert, wurden
bei 456 Hypertoniepatienten beiderlei Geschlechts in 75 Prozent der Fälle
Homocysteinkonzentrationen größer 10 µmol/ l gemessen.
In einer Studie der Yokohama City University wurde untersucht, inwieweit
mentaler Stress die Homocysteinkonzentrationen oder den Blutdruck bei jungen
Männern beeinflussen kann. Der experimentell erzeugte mentale Stress erhöhte
die Herzfrequenz, den Blutdruck und die Homocysteinkonzentration der
Studienteilnehmer. Ein interessantes Ergebnis war, dass die
Studienteilnehmer, bei denen ein Elternteil unter arterieller Hypertonie
litt, bereits im Ruhezustand eine signifikant höhere
Homocysteinkonzentration aufwiesen als die Versuchspersonen ohne familiäre
Hypertoniebelastung.
Homocystein beeinträchtigt in Abhängigkeit seiner Konzentration die
Endothelfunktion, so dass homocysteinsenkende Maßnahmen wie eine
Verbesserung der Zufuhr der Vitamine B6, B12 und Folsäure auch einen
günstigen Effekt auf den Blutdruck haben müssten. 2005 wurde in Yama eine
Studie der Havard medical School publiziert, in der bei 156.000
Teilnehmerinnen der Nurses Health Study I und II untersucht wurde, ob
zwischen der Folsäureaufnahme und dem Hypertonierisiko ein Zusammenhang
besteht. Frauen, die wenigstens 1.000 µg Folsäure pro Tag zu sich nahmen,
hatten ein um 25 Prozent geringeres Hypertonierisiko als die Frauen, die
weniger als 200 µg/ Tag aufnahmen.
In der bereits erwähnten iranischen Studie wurde die
Vitamin-B12-Konzentration als protektiver Faktor gegen die Entwicklung einer
Hypertonie identifiziert.
Mehrere Studien haben gezeigt, dass niedrige Vitamin-B6-Konzentrationen das
Risiko für die koronare Herzkrankheit erhöhen. Ein Vitamin-B6-Mangel fördert
die Entwicklung einer Arteriosklerose. Es gibt aber auch verschiedene
Hinweise aus Studien, dass Vitamin B6 die Regulierung des Blutdrucks
beeinflusst, z.B. dadurch, dass es den Calciumeinstrom in die Muskelzellen
der Blutgefäße moduliert. In einer türkischen Studie, die 1995
veröffentlicht wurde, konnte bei hypertonen Patienten durch eine
Vitamin-B6-Therapie (5 mg/ kg Körpergewicht/ Tag) eine signifikante
Besserung des systolischen und diastolischen Blutdrucks sowie eine
Reduzierung erhöhter Noradrenalinkonzentrationen erreicht werden.
Arginin
Arginin ist die Ausgangssubstanz für den gasförmigen Signalstoff
Stickstoffmonoxid (NO), der für die Endothelfunktion und die Regulierung des
Gefäßtonus eine herausragende Rolle spielt.
Eine im Januar 2009 publizierte Metaanalyse von 13 kontrollierten und
randomisierten Studien ergab, dass eine kurzfristige Einnahme von Arginin
die Endothelfunktion verbessert, wenn die flussabhängige Dilatation (FMD)
niedrig ist: Die orale Verabreichung von Arginin (6 g) besserte die
endotheliale Dysfunktion bei Hypertonikern, so das Ergebniss einer Studie
der Universität Athen vom Juni 2002.
In einer kleinen kontrollierten Studie konnte durch eine
Argininsupplementierung von 3 x 2 g eine Besserung der Blutdruckwerte bei
Hypertoniepatienten erreicht werden, bei denen Enalapril und
Hydrochlorothiazid keinen Therapieeffekt hatten.
Bei Typ-2-Diabetikern erwies sich eine Kombination aus Arginin und
N-Acetylcystein als gut wirksam zur Verbesserung der Endothelfunktion. Mit
dieser Therapie kam es zu einer Senkung des systolischen und diastolischen
Blutdrucks sowie zu einer Besserung verschiedener gefäßrelevanter
Laborparameter wie hsCRP, Cholesterin, Fibrinogen, LDL-Cholesterin, VCAM.
Die Kombination Arginin/ NAC verbesserte die NO-Verfügbarkeit durch
Verminderung des oxidativen Stresses und durch Verbesserung der NO-Bildung.
Taurin
Taurin ist ein schwefelhaltiges Aminosäurenderivat mit sehr vielfältigen
Eigenschaften. Es wirkt u.a. positiv inotrop, antiarrhythmisch und
antioxidativ und hat einen leichten antihypertensiven Effekt. In einer
kleineren Studie, die 1987 durchgeführt wurde, konnte durch die
Verabreichung von 6 g Taurin täglich in einem Zeitraum von 7 Tagen eine
Reduzierung des Blutdrucks bei jungen Personen mit Grenzwerthypertonie
erreicht werden. Dabei scheint Taurin vor allem dadurch den Blutdruck zu
senken, dass es einen erhöhten Sympatikotonus vermindert.
Coenzym Q10
Eine im April 2007 veröffentlichte Metaanalyse von 12 Studien konnte einen
deutlichen antihypertensiven Effekt von Q10 nachweisen. Coenzym Q10 hat das
Potential, den systolischen Blutdruck um bis zu 17 mm Hg und den
diastolischen Blutdruck um bis zu 10 mm Hg zu senken. Der Mechanismus dieses
antihypertensiven Effekts ist nach wie vor ungeklärt.
Selen
In einigen epidemiologischen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen dem
Selenstatus und dem Auftreten von kardiovaskulären Erkrankungen offenkundig.
Selen ist Bestandteil der Glutathion-Peroxidasen und Thioredoxin-Reduktasen,
wichtigen antioxidativen Enzymen im Organismus. 2007 wurden die Ergebnisse
einer belgischen Studie
publiziert, in der ein möglicher Zusammenhang zwischen der
Selen-Vollblutkonzentration und dem Hypertonierisiko untersucht wurde. Bei
Männern war eine um 20 Mikrogramm pro Liter höhere Selenkonzentration mit
einer Reduktion des Hypertonierisikos um 37 Prozent assoziert.
Kalium, Magnesium, Calcium
Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass die Entstehung
der Hypertonie nicht nur von der Höhe der Natriumzufuhr, sondern vor allem
auch vom Natrium-/ Kaliumverhältnis in der Nahrung abhängig ist. Eine hohe
Kaliumzufuhr, z.B. durch reichlichen Verzehr von Obst und Gemüse, schwächt
die blutdrucksteigernde Wirkung von Natrium ab. Bei einer kaliumarmen
Ernährung kommt es bei konstanter Kochsalzzufuhr zu einem Anstieg des
Blutdrucks. In verschiedenen Untersuchungen konnte für Magnesium eine
eindeutig blutdrucksenkende Wirkung nachgewiesen werden. Magnesium ist für
die Vasodilation koronarer und peripherer Gefäße erforderlich und spielt
auch eine zentrale Rolle für die Stressabschirmung. Es gibt auch Hinweise,
dass eine ausreichende Calciumzufuhr zu einer milden aber signifikanten
Senkung des Blutdrucks beitragen kann.
Die erwähnten Fakten bezüglich einzelner Mikronährstoffe zeigen, dass eine
orthomolekulare Medizin in mehrfacher Hinsicht zur Vorbeugung und Behandlung
der Arteriosklerose sinnvoll ist: z.B. durch Verbesserung der antioxidativen
Kapazität, der NO-Verfügbarkeit und der Endothelfunktion. Zu erwähnen ist
auch die Notwendigkeit, die Stresstoleranz und die hormonelle Regulation des
Blutdrucks positiv zu verändern. Auch hierbei können Mikronährstoffe
hilfreich sein.
Neben den oben erwähnten Mikronährstoffen können bei der arteriellen
Hypertonie natürlich auch weitere orthomolekulare Substanzen sinnvoll
eingesetzt werden, z.B. Omega-3-Fettsäuren oder sekundäre Pflanzenstoffe wie
Lykopin. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Mikronährstofftherapie ist
eine vorherige Laboruntersuchung. Nur dadurch können Mikronährstoffdefizite
ermittelt und zielführend behoben werden.
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