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Orthomolekulare Medizin
bei Atemwegserkrankungen
Die
Wirkung von Mikronährstoffen bei Asthma
Bronchiale
Dr. med. Hans-Günter Kugler
,
CO`MED Nr. 2 - 2005:
Asthma bronchiale ist
ein klinisches Syndrom mit verschiedenen Symptomen, die von milden
saisonalen Beschwerden bis zu einer schweren, lebensbedrohlichen Atemnot
reichen können. Der Atemfluss wird durch asthmatische Bronchokonstriktion,
Schwellung der Schleimhäute, Hypersekretion der Drüsen und eine
Viskositätszunahme des Schleims beeinträchtigt. Typisch für das Asthma
bronchiale ist auch eine bronchiale Hyperreagibilität, bei der das
Bronchialsystem des Betroffenen auf verschiedene Reize wie kalte Luft,
körperliche Anstrengung etc. mit einer Bronchokonstriktion reagiert.
Der
Asthma-Symptomatik liegt eine chronische Entzündung der Bronchien mit
Zellinfiltraten zugrunde, bestehend aus Mastzellen, Lymphozyten und
eosinophilen Granulozyten. Lymphozyten bilden proinflammatorische Zytokine;
Mastzellen speichern und sezernieren Mediatoren wie Histamin, Tryptase und
Prostaglandin D2; eosinophile Granulozyten produzieren Leukotriene,
Sauerstoffradikale und verschiedene toxische Metabolite wie das Major Basic
Protein (MBP) und die eosinophile Peroxidase (EPO).
Unter
den Zytokinen ist das Interleukin-5 spezifisch für eosinophile Granulozyten.
Die Bestimmung von IL-5 könnte zukünftig für die Diagnostik und für die
Verlaufskontrolle des Asthmas eine wichtige Rolle spielen.
Die
Hauptschwerpunkte der antiasthmatischen Therapie sind die Bronchospasmolyse
und die Entzündungshemmung. Darüberhinaus können verschiedene
Mikronährstoffe als adjuvante Therapie den Verlauf und Schweregrad des
Asthma bronchiale bessern. Einige Mikronährstoffe haben immunmodulierende,
antiinflammatorische und antioxidative Eigenschaften und können deshalb die
pathobiochemischen Mechanismen des Asthma bronchiale günstig beinflussen.
Vitamin A
Ein marginaler
Vitamin-A-Mangel fördert Erkrankungen der Atemwege durch Veränderungen der
Respirationsschleimhaut. Diese Veränderungen bestehen aus einem Verlust an
Flimmerepithel und einer Zunahme sezernierender Zellen. Zwischen einem
leichten Vitamin-A-Mangel und der Häufigkeit respiratorischer Infekte
besteht eine nachgewiesene Korrelation. Vitamin A reguliert die
Genexpression der Immunglobuline. Bei einem Vitamin-A-Mangel kann deshalb
die Antikörperbildung vermindert sein. Außerdem wird eine Verringerung der
Zahl der NK-Zellen beobachtet.
Eine
Vitamin-A-Supplementierung verbesserte bei Patienten mit COPD die
Lungenfunktion; bei Kindern senkte Vitamin A die Zahl und Länge
respiratorischer Infekte.
Vitamin C
Asthmatiker
haben in der Regel erniedrigte Vitamin-C-Konzentrationen im Blutplasma und
im epithelialen Flüssigkeitsfilm der Lunge. Vitamin C ist neben Glutathion
das wichtigste Antioxidans im Bronchialsekret. Histamin ist ein
Entzündungsmediator, der bronchokonstriktorisch wirkt und die
Gefäßpermeabilität erhöht. Niedrige Vitamin-C-Plasma-Konzentrationen führen
zu einem Histaminanstieg im Blutplasma. Die chemotaktische Aktivität der
neutrophilen Granulozyten fällt bei einem Histaminanstieg im Blutplasma ab
und steigt bei einer Vitamin-C-Supplementierung an.
Vitamin C hat offensichtlich auch einen protektiven Effekt gegen
Anstrengungsasthma. In Placebo-kontrollierten Versuchen zeigten 2 g Vitamin
C vor einer siebenminütigen körperlichen Belastung bei ca. 50 % der
Patienten eine vorbeugende Wirkung gegen Asthma-Anfälle.
Vitamin E
Bei
Asthmapatienten werden vermehrt Leukotriene gebildet. Die wasserlöslichen
Leukotriene sind potente Bronchokonstriktoren und dabei 200- bis 2000fach
stärker wirksam als Histamin.
Vitamin E beeinflusst den Arachidonsäuremetabolismus durch Verminderung der
Aktivität der Lipoxigenase und
Cyclooxigenase. Dadurch werden weniger proinflammatorische Leukotriene und
Prostaglandine gebildet.
Neben
dem antientzündlichen Effekt spielt auch die antioxidative Wirkung von
Vitamin E bei Asthma eine Rolle, da Entzündungsmediatoren vermehrt freie
Radikale erzeugen. Eine Stichprobe von ca. 2600 Erwachsenen ergab, das
höhere Vitamin-E-Konzentrationen mit niedrigeren IgE-Serum-Konzentrationen
und mit einer weniger häufigen Allergen-Sensibilisierung assoziiert sind.
Vitamin B6
Bei
Asthma-Patienten wurden in einer Studie signifikant niedrigere
Vitamin-B6-Konzentrationen gefunden. Eine hochdosierte
Vitamin-B6-Supplementierung mit
2 x 50 mg führte zu einer Reduktion von Häufigkeit und Schweregrad der
Asthma-Attacken. In einigen Studien wurde nachgewiesen, dass eine
antiasthmatische Therapie mit Theophylin die Vitamin-B6-Spiegel erheblich
verminderte, so dass bei einer Therapie mit Theophylin auf jeden Fall auf
eine ausreichende Vitamin-B6-Versorgung geachtet werden muss.
Vitamin B12
In einer
Untersuchung führte eine wöchentliche intramuskuläre Injektion von 1000 µg
Vitamin B12 über einen Zeitraum von 4 Wochen zu einer deutlichen
Verbesserung der Asthma-Symptomatik. Eine Sulfit-Intoleranz verschlechtert
die Symptomatik bei vielen Asthma-Patienten. In einer kleinen Studie an
Kindern mit Asthma und nachgewiesener Sulfit-Intoleranz konnte ein
Bronchospasmus nach Sulfitexposition verhindert werden, wenn zuvor 1,5 mg
Cyanocobalamin eingenommen wurde.
Magnesium
Bei
Asthmapatienten wurden mehrfach erniedrigte Magnesiumkonzentrationen im
Serum und in den Erythrozyten nachgewiesen. Verminderte Magnesium- und
Phosphatkonzentrationen sind die häufigste Elektrolytstörungen bei Patienten
mit chronischem Asthma. In einigen Studien erwies sich Magnesium in Form
einer intravenösen Magnesiumsulfat-Applikation als hilfreich in der
Behandlung eines akuten Asthma-Anfalls, besonders wenn die
Magnesium-Injektion rechtzeitig durchgeführt wurde. Ein Magnesium-Defizit
senkt die allergische Reaktionsschwelle, Mastzellen setzten dann schneller
und vermehrt Histamin frei.
Zink
Bekanntlich ist
Zink von herausragender Bedeutung für das Immunsystem. Bei einem Zinkmangel
kommt es zu einer reduzierten zellulären und humoralen Immunreaktion. Ein
Zinkdefizit fördert eine TH2-Polarisierung der Immunantwort. Die
Proliferation von TH2-Zellen wird forciert auf Kosten der TH1-Zellen.
TH2-Cytokine spielen eine zentrale Rolle für die Auslösung
allergisch-entzündlicher Reaktionen.
Zink
ist Teil der Cu/Zn-Superoxiddismutasen, die Zellmembranen vor der oxidativen
Schädigung schützen. Zink wird benötigt zur Synthese des retinolbindenden
Proteins, deshalb ist auch der Vitamin-A-Metabolismus zinkabhängig.
Selen
Über den Effekt
einer Selen-Supplementierung bei Asthma bronchiale wurden bisher nur wenige
Studien durchgeführt. Die vorhandenen Daten lassen aber den Schluss zu, dass
eine Selensupplementierung bei Asthma bronchiale eine sinnvolle adjuvante
Therapie darstellt. Ähnlich wie bei Zink fördert auch ein Selenmangel eine
TH2-Immundominanz. Die selenhaltigen Glutathionperoxidasen sind wichtige
antioxidative Schutzmechanismen.
Cystein/ Glutathion
Glutathion ist das
wichtigste Antioxidans im epithelialen Flüssigkeitsfilm der Lunge. Bei
Asthmapatienten sind im Bronchiallumen vermehrt eosinophile Granulozyten,
Mastzellen und Makrophagen nachweisbar. Letztere weisen einen deutlich
höheren Aktivierungsgrad auf als bei Normalpersonen. Die vermehrte
Freisetzung von Entzündungsmediatoren und Sauerstoffradikalen erhöht den
Glutathionverbrauch. Verschiedene Transkriptionsfaktoren wie AP-1 und
NF-Kappa-B sind redoxsensitiv und werden bei einem Glutathionmangel vermehrt
aktiviert. Dies führt zu einer verstärkten Bildung und Freisetzung
proinflammatorischer Mediatoren.
Verschiedene Studien haben gezeigt, dass eine Cysteinsupplementierung in
Form von N-Acetylcystein die Glutathionspiegel im Blut und in der Lunge
verbessern kann. NAC wird im Körper in Cystein umgewandelt und eignet sich
wegen seiner chemischen Stabilität besser zur Supplementierung als das
oxidationsempfindliche Cystein. Ein Mangel an Thiolverbindungen (Cystein und
Glutathion) begünstigt eine TH2-Immundominanz. Glutathion ist eines der
wichtigsten Entgiftungmoleküle des Stoffwechsels; Umweltgifte,
Zigarettenrauch, Autoabgase etc. erhöhen den Glutathionbedarf. Im Rahmen der
hepatischen Biotransformation werden Steroidverbindungen mittels Glutathion
entgiftet. Glucokortikoide sind häufig eingesetzte Medikamente gegen Asthma
bronchiale. Eine Supplementierung mit Alpha-Liponsäure kann ebenfalls die
Glutathionspiegel anheben und verbessert das Verhältnis von reduziertem zu
oxidiertem Glutathion.
Fallbeispiel
Es handelt sich um die Mikronährstoffanalyse bei einer 82-jährigen Patientin
mit folgenden Diagnosen: Asthma bronchiale, kompensierte Herzinsuffiziens,
Osteoporose
Beurteilung:
Cystein ist sehr niedrig
Þ
reduzierte Glutathionsynthese, Immunschwäche
Hyperhomocysteinämie
Þ
Homocystein ist ein Risikofaktor für Gefäßerkrankungen und erhöht den
Argininbedarf
Magnesium ist grenzwertig
Þ
erhöhte neuromuskuläre Erregbarkeit und allergische Reaktionsbereitschaft,
Spasmophilie
Vitamin C ist grenzwertig
Þ
Vitamin C ist neben Glutathion das wichtigste Antioxidans im
Bronchialsekret, fördert den Histaminabbau
Hinweis auf
eventuellen Eisenmangel
Þ
Zur Beurteilung der Notwendigkeit einer Eisensupplementierung ist die
Ferritinbestimmung erforderlich.
Therapieempfehlung
Der
Patientin wurden als Tagesdosis folgende Mikronährstoffe verordnet:
NAC
600 2 x 1
Magnesium 600 mg
Vitamin C 1 g
Vitamin-B-Komplex mit
Folsäure 800 µg
B12
60 µg
B 6
40 mg
Durch die Mikronährstofftherapie konnte eine deutliche
Besserung der Asthmasymptomatik erreicht werden.
Literatur:
1. Uwe
Gröber: Orthomolekulare Medizin, WVG 2002, 2.
Auflage
2. Eric
R. Bravermann, M.D.: The Healing Nutrients Within, Basic Health 2003, third
edition
3. Alexander
Kapp et al.: Allergische Entzündungen, Thieme 2002
4. Jane
Higdon, Ph.
D.: An Evidence-Based Approach to Vitamins and Minerals, Thieme 2003
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