Studien + Facts


Dezember 2005/ Nr.
11

 

Tryptophan kann Hirnleistungsfähigkeiten verbessern

In den letzten Wochen wurden zwei interessante Studien über Tryptophan publiziert: In einer Studie der Universität Maastrich konnte nachgewiesen werden, dass ein Schlummertrunk mit einem hohen Anteil der Aminosäure Tryptophan Menschen mit Schlafproblemen am nächsten Morgen wacher und leistungsfähiger macht. Der schlaffördernde Effekt des Tryptophans ist schon längere Zeit bekannt, neu ist, dass eine Tryptophansupplementierung spät abends offensichtlich die Hirnleistungsfähigkeit und die Reaktionsbereitschaft am nächsten Morgen verbessert.

Bei Frauen mit prämenstrualem Syndrom kommt es häufig zu leichteren Gedächtnisstörungen in der prämenstrualen Phase. Diese Störungen konnten durch ein tryptophanangereichertes Getränk teilweise aufgehoben werden. Die Daten der Studie zeigen, dass eine serotoninerge Hypofunktion eine Rolle beim prämenstruellen Syndrom spielt, allerdings kann das serotoninerge System nicht für alle Hirnleistungsstörungen in der prämenstruellen Phase verantwortlich gemacht werden.

Referenzen

  1. Schmitt JA et al.: Memory function in women with premenstural complaints and the effect of serotonergic stimulation by acute administration of an alpha-lactalbumin protein; J Psychopharmacol. 2005 Dec; 19(4): 375-84
     

  2. Markus CR et al.: Evening intake of alpha-lactalbumin increases plasma tryptophan availability and improves morning alertness and brain measures of attention; Am J Clin Nutr. 2005 May; 81(5): 1026-33


Cystein und Glutathion haben entzündungshemmende Wirkung

Das Redoxpotential der Zelle wird wesentlich über die Glutathionverfügbarkeit reguliert. Glutathion hat mehrere wichtige Funktionen im Zellstoffwechsel:

  • Antioxidative Wirkung durch Beteiligung an der Neutralisierung hoch­reaktiver Peroxide

  • Aufrechterhaltung der Raumstruktur und Funktionsfähigkeit vieler Proteine durch Schutz der SH-Gruppen und Spaltung von Disulfidbrücken

  • Immunopharmakologische Wirkung durch Regulierung von Signalwegen

  • Regulierung und Aktivierung redoxab­hängiger Transkriptionsfaktoren

Der wohl wichtigste redoxsensitive Transkrip­tions­faktor ist der NF-Kappa-B, dessen Aktivierung zur Bildung zahlreicher Zytokine führt, z.B. von Il-1-Alpha, Il-1-Beta, Il-2, Il-3, Il-6, Il-8, Il-12 sowie TNF-Alpha.

NF-Kappa-B spielt eine wichtige Rolle für Reak­tionen der Zelle auf den Angriff freier Radikale. Oxidativer Stress führt häufig zur Bildung und Freisetzung proinflammatorischer Zytokine. Obwohl die biochemischen Details des Zusammenhangs zwischen oxidativem Stress und Entzündung noch nicht völlig geklärt sind, ergeben sich aus dem bereits Bekannten wichtige Optionen für eine antiinflammatorische Therapie.

Bekanntlich lässt sich mit N-Acetyl-Cystein die Konzentration von reduziertem Glutathion (GSH) erhöhen, da Cystein meist den limitierenden Faktor für die Glutathionsynthese darstellt. Verschiedene Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass NAC als Glutathion-Prodrug die Bildung und Freisetzung proinflammatorischer Zytokine hemmt.

In letzter Zeit sind mehrere Arbeiten erschienen, die diesen Effekt bestätigen. In einer japanischen Studie konnte gezeigt wer­den, dass NAC die Leukozyten-Adhäsion an Endothel­zellen in der Frühphase eines Endotoxinschocks hemmt. Die Leukozyten-Adhäsion ist praktisch der wichtigste Auslöser für die gefürchteten Organfunktionstörungen bei diesem lebensbedrohlichen Krankheitsbild. 

Auch im Anfangsstadium einer Pankreatitis senkt NAC die Bildung von Interleukin-6 und die Myeloperoxidase – die entzündliche Aktivität wird also vermindert. 

In einer Studie aus Italien wurde nachgewiesen, dass bei Kindern mit nichtalkoholischer Steatohepatitis eine Störung des Glutathionstoffwechsels vorliegt. Das GSSG/ GSH-Verhältnis war im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht. 

In einer tschechischen Studie erhielten 14 Probanden mit kardiovaskulären Risikofaktoren 20 Tage lang 600 mg NAC. Dabei kam es zu einer signifikanten Abnahme der Advanced-Oxidation-Protein-Products (AOPPs). Neben den AGEs und den Lipidperoxidationsprodukten sind AOPPs wichtige Marker für den oxidativen Stress. 

Oxidativer Stress und jede Art von Entzündung können den Cystein-/ Glutathionbedarf erhöhen, deshalb ist eine entsprechende Labordiagnostik unbedingt indiziert, um die Notwendigkeit und Größenordnung einer Cysteinsupplementierung zu beurteilen. In Abhängigkeit von der GSH-Konzentration sind u.U. größere Mengen Cystein erforderlich, um den Glutathionpool wieder zu normalisieren.

Referenzen

  • Nandate K et al.: N-acetyl-cysteine attenuates endotoxin-indued adhesion molecule exression in human whole blood; Anesth Anaalg. 2005 May; 100(5): 1453-7
     

  • Shi C et al.: Role of nuclear factor-kappa-B, reactive oxygen species and cellular signalling in the early phase of acute pancreatitis; Scand J Gastroenterol. 2005 Jan; 40(1): 103-8
     

  • Nobili V et al.: Glutathione metabolism and antioxidant enzymes in patients affected by non-alcoholic steatohepatitis; Clin Chim Acta. 2005 May; 355(1-2): 105-11
     

  • M. Lazárová et al.: The antioxidant acetylcysteine reduces oxidative stress by decreasing level of AOPPS; Biomed. Papers 148(2), 131-133 (2004)
     

  • McCarty MF: Supplemental arginine and high-dose folate may promote bone health by supporting the activity of endothelial-type nitric oxide synthase in bone; Med Hypotheses. 2005; 64(5): 1030-3


Verzweigtkettige Aminosäuren können bei Bettlägrigkeit, Kachexie und chronischen Lebererkrankungen therapeutisch eingesetzt werden!

Verschiedene aktuelle Publikationen beschäftigen sich mit dem therapeutischen Nutzen und den Wirkmechanismen der verzweigtkettigen Aminosäuren. Aufgrund der vorhandenen Daten kann davon ausgegangen werden, dass die verzweigtkettigen Aminosäuren signifikante antikachektische und antianorektische Effekte haben. Eine Supplementierung der verzweigtkettigen Aminosäuren ist nicht nur hilfreich bei Patienten mit chronischen Erkrankungen, sondern sollte auch dann bei Patienten erwogen werden, wenn durch längere Bettlägrigkeit Muskelproteinverluste drohen.

Leucin in höheren Dosen stimuliert die Muskelproteinsynthese. Leucin ist sozusagen ein Signal für die Verfügbarkeit von Aminosäuren, gleichzeitig auch ein Signal für die Energieverfügbarkeit, da Leucin die Insulinsekretion stimuliert.

Die verzweigtkettigen Aminosäuren stimulieren die Bildung des „hepatocyte growth factor“ und können dadurch die Regeneration von geschädigtem Lebergewebe anregen. Es sind derzeit keine anderen Medikamente oder Nahrungser­gänzungsmittel bekannt, die bei schweren chronischen Lebererkrankungen eine ähnlich positive Wirkung haben.

Die Aminosäure Leucin spielt auch eine bedeu­ten­de Rolle im Stoffwechsel des Neurotransmitters Glutaminsäure. Von allen Aminosäuren gelangt Leucin am schnellsten durch die Blut-Hirn-Schranke und wird in den Astrozyten verstoffwechselt. 30 – 50 Prozent der Alpha-Aminogruppen der Glutaminsäure im Gehirn stammen allein von Leucin.

Die Neuronen wiederum bilden bevorzugt Leucin, indem sie die NH3-Gruppe der Gluta­min­säure auf die Alpha-Keto-Isocapronsäure übertragen. Insofern ist Leucin eine Art Puffersubstanz für die Glutaminsäurekonzentration.
 

Referenzen

  • Amy Norton: Low Zinc Intake May SAP Exercisers´Energy; MedlinePlus, Friday, June 3, 2005
     

  • Till U et al.: Decrease of carotid intima-media-thickness in patients at risk to cerebral ischemia after supplementation with folic acid, Vitamins B6 and B12; Atherosclerosis. 2005 Jul; 181(1): 131-5
     
  • Laviano A et al.: Branched chain amino acids: the best compromise to achieve anabolism? Curr Opin Clin Nutr Metab Care. 2005 Jul; 8(4): 408-414
     

  • Garlick PJ.: The role of leucine in the regulation of protein metabolism; J Nutr. 2005 Jun; 135(6): 1553S-6S
     

  • Marchesini G et al.: Branched chain amino acid supplementation in patients with liver diseases; J Nutr. 2005 Jun; 135(6): 1596S-601S
     

  • Yudkoff M et al.: Brain Amino Acid Requirements and Toxicity: The Example of Leucine; J Nutr. 2005; 135(6): 1531S-1538S

 

Taurin vermindert Atheroskleroseentwicklung

Taurin hat bei Gefäßerkrankungen ein erhebliches präventives und therapeutisches Potential. Eine Taurinbehandlung vermindert die Lipidperoxidation und senkt die LDL- und VLDL-Cholesterinspiegel im Blutserum. Taurin beeinflusst die Expression der 7-Alpha-Hydroxylase und reguliert dadurch die Bildung von Gallensäuren aus Cholesterin.

Taurin ist ein Scavenger der Hypochlorsäure, die von neutrophilen Granulozyten und Makrophagen gebildet wird und ein starkes Prooxidans ist. Verschiedene epidemiologische Studien haben gezeigt, dass eine erhöhte Expression der Myeloperoxidase ein bedeutender Risikofaktor für die koronare Herzerkrankung ist und auch zur Ruptur atherosklerotischer Plaques beiträgt. HOCL aktiviert NF-Kappa-B und damit die Bildung proinflammatorischer Mediatoren.

Taurin ist außerdem ein Immunmodulator und vermindert die Bildung der Cytokine, die an der Atherogenese beteiligt sind.
 

Referenzen

Yamori Y et al.: Fish and lifestyle-related disease prevention: Experimental and epidemiological evidence for anti-atherogenic potential of taurine; Clin Exp Pharmacol Physiol. 2004 Dec; 31 Suppl 2:S20-3

Ito T, Azuma J: Taurine is a possible anti-atherosclerotic agent; Nippon Yakurigaku Sasshi. 2004 May; 123(5): 311-7

McCarty MF: Supplementary taurine may stabilize atheromatous plaque by antagonizing the activation of metalloproteinases by hypochlorous acid; Med Hypotheses. 2004; 63(3): 414-8


Fallbeispiel aus der täglichen Praxis:

Aminosäuren-Profil einer 77-jährigen Patientin mit Hepatitis C und kleinem Ascites

 

Interpretation
 

  • Die Asparaginsäurekonzentration ist relativ niedrig, was bei chronischen Lebererkrankungen häufig nachzuweisen ist. Asparaginsäure ist ein wichtiger Metabolit des Harnstoffcyclus und kann auch über Oxalacteat den Citratcyclus aktivieren.
     

  • Glutamin ist deutlich erhöht. Glutamin ist ein NH3-Carrier und steigt im Blutserum an. Bei einer ver­minderten Aktivität des Harnstoffcyclus oder wenn eine erhöhte NH3-Belastung vorliegt, z.B. in Folge von Dysbiose.
     

  • Die Konzentrationen der verzweigtkettigen Aminosäuren Leucin, Isoleucin und Valin sind deutlich vermindert, was typisch ist bei chronischer Hepatitis oder Leberzirrhose. Eine Supplementierung mit BCAAs steigert die Albuminsynthese und kann hepatische Encephalopathien  verhindern. Bei einem Mangel an verzweigtkettigen Amino­säuren gelangen die aromatischen Aminosäuren, z.B. Tyrosin, vermehrt durch die Blut-Hirn-Schranke und können dort zur Bildung falscher Neurotrans­mitter führen.
     
  • Tyrosin ist erhöht, was die Notwendigkeit einer Supplementierung von BCAAs unterstreicht.
     

  • Tryptophanmangel.
    Tryptophan gehört ebenfalls zu den aromatischen Aminosäuren. Tryptophan ist aber auch der limitierende Faktor für die hepatische Proteinsynthese. Ohne ein ausreichendes Tryptophanangebot kommt es zwangsläufig zu einer Dysproteinämie, z.B. verminderten Albuminsynthese.
     

  • Threonin ist relativ niedrig.
    Niedrige Threoninkonzentrationen sprechen meistens für Maldigestion, da Threonin von allen Aminosäuren am schlechtesten resorbiert wird.
     

  • Eine Supplementierung der fehlenden Aminosäuren führte bei der Patientin zu einer deutlich Besserung der Albuminkonzentrationen und generell zu einer verbesserten körperlichen und psychischen Verfassung.