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Die Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der meist mehrere Nerven betroffen sind und die eine systemische Ursache hat. Die zwei häufigsten Ursachen der Polyneuropathie in Europa sind Diabetes mellitus mit 30 Prozent und die Alkoholkrankheit mit 25 Prozent. Insgesamt sind ca. 600 Ursachen für eine Polyneuropathie beschrieben worden. Es gibt verschiedene hereditäre Formen, z.B. die neurale Muskelatrophie Charcot-Marie-Tooth. Rund fünf Prozent der Polyneuropathien treten im Rahmen von Infektionskrankheiten auf; hier sind besonders Borreliose und Lepra zu erwähnen. |
| Zahlreiche Umweltgifte und Medikamente können zu einer toxischen Polyneuropathie führen, dazu zählen Schwermetalle wie Arsen, Thallium oder Blei und verschiedene Medikamente wie Chromoglicinsäure, Antidepressiva, Antirheumatika und Thyreostatika. Auch im Rahmen einer Tumorerkrankung als paraneoplastisches Syndrom oder infolge einer Zytostatikatherapie kann eine Polyneuropathie auftreten. | |
Pathologisch-anatomisch ist bei einer
Polyneuropathie oftmals eine axonale Degeneration und/ oder eine Zerstörung
der Myelinscheiden nachweisbar; es treten dabei meist handschuh- oder
stumpfförmige Sensibilitätsstörungen und eine herabgesetzte
Vibrationsempfindung an den Unterschenkeln sowie eine Verminderung der
Eigenreflexe an den unteren Extremitäten auf. Man unterscheidet symmetrische
und asymmetrische Verteilungsmuster, z.B. eine Monopolyneuropathie, die
lediglich im Versorgungsbereich eines peripheren Nervenbereichs nachzuweisen
ist. Der Ort des Auftretens gestattet auch Rückschlüsse auf die Ursache. Der
symmetrische Typ an den Zehen wird bevorzugt durch toxische Substanzen
ausgelöst, eine Mononeuropathie kommt häufig bei Diabetes mellitus vor.
Polyneuropathien schreiten in der Regel langsam voran und bilden sich in
vielen Fällen auch allmählich zurück, wobei die Prognose natürlich von den
zugrundeliegenden Ursachen abhängt. Bei der Behandlung der Polyneuropathie
wird es zweifelsfrei zunächst darum gehen, die zugrundeliegenden Ursachen so
weit wie möglich zu therapieren. Dazu gehören eine Alkoholkarenz bei einer
alkohol-toxischen Polyneuropathie, eine optimale Einstellung eines Diabetes
mellitus bei der diabetischen Polyneuropathie und eine entsprechende
Antibiotikatherapie bei der Borreliose. Die symptomatische Therapie der
Beschwerden, vor allem der Schmerzen, spielt eine wichtige Rolle. Hierbei
kommen aber meist nicht die klassischen Analgetika zum Einsatz, sondern
Wirkstoffe wie Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin und Amitriptylin.
Oxidativer Stress spielt eine wichtige Rolle bei der Pathogenese der
diabetischen Polyneuropathie. Durch Nervenbiopsien bei Patienten konnte auch
nachgewiesen werden, dass bei verschiedenen anderen Formen der
Polyneuropathie (alkoholtoxisch, vaskulitisch, diabetisch, B12-Mangel) der
Transkriptionsfaktor NF-Kappa-B aktiviert ist. NF-Kappa-B spielt bekanntlich
eine zentrale Rolle für die Auslösung von Entzündungsprozessen. Es ist also
davon auszugehen, dass bei einer Polyneuropathie auch inflammatorische
Prozesse beteiligt sind. Für die Entstehung der diabetischen Neuropathie
spielt neben dem oxidativen Stress auch die Sorbitolanhäufung in den
Nervenzellen und die Glycierung wichtiger Strukturmoleküle eine wesentliche
Rolle.
Im Folgenden geht es um die Möglichkeiten einer Mikronährstofftherapie bei
Polyneuropathie. Eine Therapie mit Mikronährstoffen ist nicht nur bei einer
Vitamin-Mangel-Polyneuropathie indiziert, sondern kann auch bei anderen
Polyneuropathie-Formen eine wichtige unterstützende Maßnahme sein.
Mikronährstoffe wirken auf verschiedene Art neuroprotektiv, antioxidativ,
antiinflammatorisch, durchblutungsverbessernd etc.
Vitamin B1
Vitamin B1 ist von erheblicher Bedeutung für den Energiestoffwechsel der
Nervenzellen. Ein hoher Alkoholkonsum korreliert negativ mit dem
Vitamin-B1-Status. Bei 20 Prozent der chronischen Alkoholiker tritt eine
Polyneuropathie auf. Noch vor der Alkoholkrankheit ist der Diabetes mellitus
die häufigste Ursache für die Entstehung einer Polyneuropathie.
Bei bis zu einem Drittel der Diabetiker treten neuropathische Symptome auf.
Wie auf dem Kongress der europäischen Diabetsgesellschaft 2008 berichtet
wurde, haben sowohl Typ-1- als auch Typ-2-Diabetiker deutlich erniedrigte
Thiaminkonzentrationen im Blutplasma. Hohe Glukosekonzentrationen
unterdrücken die Bildung von Thiamin-Transportern in den Nieren, weshalb
Diabetiker vermehrt Thiamin über den Urin ausscheiden. Bei Diabetikern ist
die Aktivität des B1-abhängigen Enzyms Transketolase vermindert, wodurch es
zu einer vermehrten Bildung von AGEs kommt. Besonders effektiv lässt sich
die Transketolase-Aktivität durch Benfotiamin anheben. Benfotiamin ist ein
lipidlösliches Vitamin-B1-Präparat, das deutlich besser resorbiert wird als
das wasserlösliche Thiamin.
Vitamin B6
Vitamin B6 wirkt im Stoffwechsel der Proteine und Aminosäuren entscheidend
mit. Es ist auch für die Synthese von Phospholipiden, Sphingolipiden und
Myelin erforderlich. Ein Vitamin-B6-Mangel kann mit der Entwicklung einer
Polyneuropathie assoziiert sein. Eine Polyneuropathie mit Vitamin-B6-Mangel
wurde z.B. bei Urämiepatienten beobachtet sowie bei Patienten, die sich zur
Behandlung einer Tuberkulose einer Isoniazit-Therapie unterzogen hatten. Bei
der diabetischen Polyneuropathie dürfte Vitamin B6 vor allem dann von Nutzen
sein, wenn ein Mangel vorliegt. Beim Karpaltunnelsyndrom, einer chronischen
Kompression des Nervus medianus, erwies sich eine Vitamin-B6-Therapie auch
dann als hilfreich, wenn kein Vitamin-B6-Mangel nachgewiesen werden konnte.
Bei langfristiger Einnahme von hohen Dosen Vitamin B6, zwischen 0,5 und 6
Gramm, wurde mehrfach das Auftreten einer sensorischen Polyneuropathie
festgestellt. Vitamin-B6-Dosen bis 500 mg täglich über zwei Jahre
korrelierten nicht mit dem Auftreten einer Polyneuropathie.
Vitamin B12
Vitamin B12 ist für die Bildung von Cholin, Lecithin und Sphingomyelin
erforderlich. Bei einem Vitamin-B12-Mangel kommt es zu einer
Beeinträchtigung von Methylierungsreaktionen in den Myelinscheiden.
Es gibt auch Hinweise, dass bei der Pathogenese der
B12-Mangel-Polyneuropathie auch Veränderungen des Zytokinmusters eine Rolle
spielen. Vitamin B12 wurde in mehreren kleinen Studien erfolgreich zur
Behandlung der diabetischen Polyneuropathie eingesetzt. Bei Patienten mit
Nierenversagen ist häufig ein B12-Mangel nachweisbar. Bei der Urämie ist
wahrscheinlich Methylcobalamin die am besten geeignete Form der
B12-Therapie, da mit dieser Substanz auch eine Cyanidbelastung bei
Urämiepatienten gesenkt werden kann. Bei 30 Prozent der über 65-Jährigen ist
eine atrophische Gastritis nachweisbar, wodurch es zu einer Beeinträchtigung
der Vitamin-B12-Aufnahme kommt. Generell treten neurologische und auch
psychiatrische Symptome eines B12-Mangels meist sehr viel früher auf als die
hämatologischen Veränderungen. Bei Polyneuropathie-Erkrankungen älterer
Menschen sollte also auf jeden Fall die Vitamin-B12-Versorgung abgeklärt
werden.
Folsäure
Über den Homocysteinmetabolismus ist Folsäure sehr eng mit dem
B12-Stoffwechsel verbunden. In einer japanischen Studie an 343 Patienten mit
verschiedenen neurologischen Erkrankungen, hauptsächlich axonalen
Neuropathien, zeigten 19,5 Prozent niedrige Folsäurespiegel im Serum. Eine
Hochdosis-Folsäure-Therapie (15 mg/ Tag) führte bei 67 Prozent der
betroffenen Patienten zu einer Besserung der neurologischen Symptome. Bei
Patienten mit alkoholtoxischer Polyneuropathie wurde in 50 Prozent der Fälle
ein funktioneller Folsäuremangel nachgewiesen. Verschiedene Medikamente,
z.B. Methotrexat, Antiepileptika, Sulfasalacin, können über einen
Folsäuremangel eine Polyneuropathie auslösen. Besonders Patienten, die über
längere Zeit Antiepileptika einnehmen, sind erheblich
Polyneuropathie-gefährdet.
Biotin
Biotin spielt eine wichtige Rolle für die Regulierung des Blutzuckerspiegels
und für die Fettsäuresynthese. Biotin wurde in einer kleinen Studie an
Dialysepatienten erprobt, die an einer Enzephalopathie und Polyneuropathie
litten. Innerhalb von drei Monaten kam es zu einer deutlichen Besserung der
Symptome. Mikrotubuli sind wesentliche Bestandteile der Axone der
Nervenzellen. Die urämische Neuropathie ist dadurch gekennzeichnet, dass es
zu einer Degeneration der Axone kommt. In vitro konnte mittels Zugabe von
Biotin die Störung der Mikrotubuliformation durch urämisches Plasma
verhindert werden.
Auch bei der diabetischen Polyneuropathie zeigte Biotin deutliche
therapeutische Effekte; allerdings wurde diese Studie nur an einer sehr
kleinen Patientenzahl durchgeführt.
Vitamin E
An der Entstehung der Polyneuropathie ist auch der oxidative Stress
maßgeblich beteiligt, z.B. bei Diabetikern. In einer Studie zeigte sich bei
21 Typ-2-Diabetikern mit Polyneuropathie durch die tägliche Gabe von 900 mg
Vitamin E nach sechs Monaten eine deutliche Verbesserung
elektrophysiologischer Parameter im Vergleich zur Placebogruppe. Besonders
gefährdet hinsichtlich einer Vitamin-E-Mangel-Polyneuropathie sind
Patienten, die sich einer Gastrektomie unterziehen mussten.
In zwei Pilotstudien und in einer kleinen randomisierten Studie erwies sich
Vitamin E als hilfreich für die Verminderung der Neurotoxizität von
Cisplatin.
Vitamin D
In der Aprilausgabe 2008 der Fachzeitschrift Archives of Internal Medicine
erschien ein kurzer Artikel australischer Wissenschaftler, die bei 51
Typ-2-Diabetes-Patienten mit neuropathischen Schmerzen die
Vitamin-D-Konzentrationen bestimmt hatten. Alle Patienten wiesen zu niedrige
Vitamin-D-Konzentrationen mit einem Mittelwert von 18 ng/ ml auf. Die
Schmerzintensität wurde mit Hilfe zweier Fragebogen bewertet. Aufgrund einer
Vitamin-D-Therapie kam es zu einer deutlichen Besserung der Schmerz-Scores.
Es ist schon länger bekannt, dass Vitamin D eine neurotrophe Substanz ist
und sowohl die neuromuskuläre Funktion als auch das neuronale Wachstum
moduliert. Wie diese Studie zeigt, ist Vitamin D vermutlich auch eine
wirksame Substanz für die Behandlung neuropathischer Schmerzen.
Glutamin
Glutamin ist die Aminosäure mit der höchsten Konzentration im Blutserum.
Zwei Studien zeigten, dass die Einnahme von Glutamin wirksam eine
Polyneuropathie verminderte, die durch eine Hochdosis-Therapie mit
Paclitaxel verursacht wurde. Auch bei einer Chemotherapie mit Oxaliplatin
zeigte Glutamin einen neuroprotektiven Effekt.
Arginin
Bei der Pathogenese der diabetischen Polyneuropathie spielen auch vaskuläre
Faktoren eine Rolle. Bei Diabetikern ist häufig der NO-Metabolismus gestört.
Bei Patienten mit Hyperglykämie kommt es im Vergleich zu Kontrollpersonen zu
einer signifikanten Verminderung der Durchblutung der Nerven. Arginin ist
die Ausgangssubstanz für die Bildung von NO, deshalb kann eine
Argininsupplementierung die NO-Verfügbarkeit verbessern.
Cystein/
Glutathion
Bei Coloncarzinom-Patienten, die mit Oxaliplatin behandelt wurden, hatte
eine begleitende Therapie mit 1200 mg NAC einen deutlich protektiven Effekt
gegen die Entwicklung einer Polyneuropathie. Cystein ist eine wichtige
Ausgangssubstanz für die Glutathionsynthese.
Glutathioninfusionen wirkten, ähnlich wie NAC, bei Patienten mit
fortgeschrittenem Coloncarzinom protektiv gegen die Neurotoxizität von
Platinverbindungen.
Spurenelemente
und Mineralstoffe
Eine Zinktherapie verbesserte die Blutzuckerkontrolle und Symptome einer
diabetischen Polyneuropathie. Die Nervenleitgeschwindigkeit motorischer
Nerven war nach 6 Wochen Zinktherapie signifikant besser als vorher.
Auch ein Chrommangel kann als Ursache für eine Polyneuropathie in Frage
kommen, da Chrom für die Blutzuckerregulation essentiell ist. Beschrieben
wurde dies im Zusammenhang mit einer parenteralen Ernährung, die
offensichtlich zu wenig Chrom enthielt. Das Zytostatikum Oxaliplatin ist
bekannt für seine neurotoxische Wirkung. 96 Patienten mit fortgeschrittenem
colorektalen Karzinom erhielten ein Gramm Calciumgluconat und
Magnesiumsulfat vor und unmittelbar nach einer Oxaliplatin-Infusion. Nach
Ende der Oxaliplatintherapie hatten 65 Prozent der Patienten, die Calcium
und Magnesium erhalten hatten, keine Symptome einer Neuropathie im Vergleich
zu 37 Prozent in der Kontrollgruppe.
Carnitin,
Alpha-Liponsäure
Alpha-Liponsäure ist Bestandteil von Multienzymkomplexen und findet häufig
in der Behandlung von diabetischer Polyneuropathie Verwendung. Besonders
gute Ergebnisse wurden an Typ-2-Diabetikern bei anfänglicher intravenöser
Zufuhr und anschließender oraler Verabreichung erreicht. Hochdosierte
Alpha-Liponsäure bewirkt offensichtlich eine Verbesserung der
Mikrozirkulation.
Acetyl-Carnitin unterstützt auf verschiedene Weise den Stoffwechsel der
Nervenzellen, z.B. durch Verminderung des oxidativen Stresses, Verbesserung
der DNA-Synthese in den Mitochondrien und Erhöhung der Konzentration des
Nervenwachstumsfaktors in den Nervenzellen. Acetyl-L-Carnitin ist in
verschiedenen Studien sowohl bei der diabetischen wie auch bei der
medikamentös-toxischen Polyneuropathie erfolgreich eingesetzt worden. Es
vermindert die Neurotoxizität der Chemotherapeutika Paclitaxel und
Cisplatin.
Natürlich können auch noch verschiedene andere Substanzen für die Behandlung
der Neuropathie in Frage kommen, z.B. Myo-Inositol, Omega-3- und
Omega-6-Fettsäuren, Flavonoide u.a.
Bei einer Polyneuropathie können je nach Ursache verschiedene
Mikronährstoffmängel vorliegen. Eine höher dosierte Therapie mit
Mikronährstoffen sollte auf alle Fälle den entsprechenden Mängeln angepasst
sein, die nur auf der Basis einer gezielten Mikronährstoffanalyse des Blutes
ermittelt werden können.
Literatur:
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LifeExtension Health Concerns: Neuropathy (Diabetic) Updated: 04/25/2006
Haslbeck M et al: Oxidativer Stress und NF-Kappa-B-Aktivierung bei Polyneuropathien; Aktuelle Neurologie 2003, Thema: Peripheres Nervensystem III – GBS/ CIDP
Koutsikos D et al: Biotin for diabetic peripheral neuropathy; Biomed Pharmacother. 1990; 44(10): 511-4
Karl F. Masuhr, Marianne Neumann: Neurologie, 6. Auflage, Thieme 2007
Weitere Literatur beim Verfasser.
Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler
Oktober 2009
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