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Ein akuter Schmerz hat eine
wichtige biologische Funktion, da er ein Warnsignal für eine körperliche
Störung ist. Der Schmerz hat also eine eindeutige Ursache und lässt nach
oder verschwindet, wenn die zugrundeliegende Erkrankung behandelt wird.
Ein chronischer Schmerz überdauert den Zeitraum, in dem normalerweise eine Heilung stattfindet. Er kann zu einer eigenständigen Schmerzkrankheit werden. Die Schmerzen haben dann ihre Warnfunktion verloren und haben sich zu einem selbständigen Krankheitsbild entwickelt. |
Nach Angaben der deutschen Schmerzliga leiden
mindestens 8 Mio. Deutsche an chronischen Schmerzen. Etwa 50 Prozent der
älteren Menschen sind von chronischem Schmerz betroffen. Dieser Prozentsatz
erhöht sich auf bis zu 80 Prozent bei Bewohnern von Seniorenheimen. Nach
Angaben des NIH (National Institutes of Health) gehören Rückenschmerzen zu
den bedeutendsten gesundheitlichen Problemen in den USA und sind der
häufigste Grund für gesundheitliche Einschränkungen bei jüngeren Menschen
unter 45 Jahren. Zwischen 65 und 80 Prozent der Menschen haben irgendwann
einmal in ihrem Leben Rückenschmerzen.
Häufige Ursachen von Schmerzen sind: Arthrosen, rheumatoide Arthritis,
Osteoporose, kardiovaskuläre Erkrankungen, Tumorerkrankungen, Fibromyalgie,
Multiple Sklerose, Neuralgien, periphere arterielle Verschlusskrankheit
u.v.m.
Bei der Behandlung chronischer Schmerzen steht natürlich eine Therapie mit
Analgetika im Vordergrund. Es stehen aber noch zahlreiche andere Verfahren
zu Verfügung, die im Rahmen eines ganzheitlichen Therapiekonzepts eingesetzt
werden können. Dazu zählen physiotherapeutische und physikalische Maßnahmen,
Akupunktur, Verhaltenstherapie und andere Formen der Psychotherapie. Auch
eine Modifizierung der Ernährungsgewohnheiten kann bei Schmerzpatienten von
großem Vorteil sein. Vor kurzem wurde eine Studie des Universitätsklinikums
Jena über die Wirksamkeit einer 15-tägigen Fastenkur bei 36
Arthrosepatienten publiziert. Bei allen Patienten gingen während der
Fastentherapie die Schmerzen deutlich zurück - bei gleichzeitiger
Verbesserung der Gelenkfunktion. Dieser Effekt war auch noch 3 Monate nach
der Fastenkur nachweisbar und führte zu einer erheblichen Reduzierung des
Analgetikaverbrauchs. Hintergrund dieses Effekts ist eine drastische
Reduzierung der Zufuhr von Arachidonsäure aus tierischen Fetten, wodurch die
Entzündungsaktivität und damit auch die Schmerzen vermindert werden. Je
weniger Arachidonsäure dem Organismus zur Verfügung steht, desto weniger
Entzündungsmediatoren können gebildet werden.
Die Therapie mit Mikronährstoffen ist eine wertvolle Maßnahme im Rahmen
eines ganzheitlichen Schmerztherapiekonzeptes. Mit Mikronährstoffen kann die
Entzündungsaktivität vermindert werden, wodurch Schmerzmittel eingespart
werden können. Vitamine des B-Komplexes sind bei vielen Nervenschmerzen von
Nutzen. Die zentrale Schmerzverarbeitung kann z.B. durch Beeinflussung der
Serotoninbildung modifiziert werden. Im Folgenden werden die wichtigsten
Mikronährstoffe vorgestellt, die bei der Schmerztherapie einen
therapeutischen Nutzen bieten.
Glycin
Glycin ist eine Aminosäure mit sehr vielfältigen Eigenschaften. Glycin hat
sich bei Arthroseschmerzen als gut wirksam erwiesen. Ein Forscherteam der
Universität von Granada erprobte die Wirksamkeit einer
Glycinsupplementierung bei 600 Probanden mit einem Durchschnittsalter von 45
Jahren, die entweder an Arthrose, an Osteoporose oder an physikalischen
Verletzungen litten. Mehrere Wochen lang bekamen die Patienten zum Frühstück
und Abendessen Speisen, die mit jeweils 5 g Glycin versetzt waren. Bei allen
Studienteilnehmern kam es zu einer deutlichen Verbesserung der Symptome, in
den meisten Fällen innerhalb von zwei Wochen bis vier Monaten. Häufig konnte
sogar auf Schmerzmittel verzichtet werden.
Auch aufgrund seiner Eigenschaft als inhibitorischer Neurotransmitter kann
Glycin bei Schmerzpatienten hilfreich sein. Glycinsupplemente wirken
spasmolytisch und haben einen beruhigenden Effekt.
Tryptophan
Tryptophan ist die Ausgangssubstanz für die Serotoninsynthese. Serotonin
spielt eine zentrale Rolle für die Regulierung von Stimmung und Verhalten.
Anfang Juni 2008 wurde in der Fachzeitschrift Science eine Untersuchung
amerikanischer und britischer Wissenschaftler publiziert, in der
nachgewiesen wurde, dass ein niedriges Serotoninniveau Versuchspersonen
deutlich aggressiver und impulsiver reagieren lässt. Eine Verminderung der
Serotoninkonzentration im ZNS ist durch die Verabreichung eines
tryptophanfreien Aminosäurengetränks relativ leicht erreichbar.
Sowohl das Schmerzzentrum im Hirnstamm als auch das schmerzverarbeitende
Zentrum im Thalamus enthalten serotoninerge Neuronen. Diese Zellen senden
Signale ins Rückenmark und modulieren die Schmerzsignale aus der
Körperperipherie. Eine Anhebung des Serotoninspiegels im ZNS verbessert die
Stimmungslage und vermindert die Schmerzsensivität, deshalb kann eine
Nahrungsergänzung mit Tryptophan bei verschiedenen Schmerzzuständen
hilfreich sein, wie z.B. bei Kopfschmerzen, Migräne, Fibromyalgie und
Reizdarmsyndrom. Chronische Entzündungen und anhaltender Stress erhöhen den
Tryptophanbedarf, da Stresshormone und Entzündungsmediatoren den
Tryptophanabbau beschleunigen.
Arginin
Forscher der japanischen Kyjoto-Universität untersuchten den Effekt von
Arginin bei chronischen Schmerzen. Diese Studie wurde im Jahr 1991
publiziert. Es war vorher schon bekannt, dass eine Verabreichung von Arginin
zu einer vermehrten Bildung eines analgetischen Peptids (L-Tyrosinyl-L-Arginin)
führt, das wiederum das Endorphinsystem beeinflusst. Bei 12 Patienten mit
chronischen Schmerzzuständen wurden 30 g Arginin intravenös verabreicht. Bei
allen Patienten kam es zu einer deutlichen Verminderung der
Schmerzintensität, die durch eine Blockade des körpereigenen
Endorphinsystems wieder aufgehoben wurde.
Vitamin E
Vitamin E ist ein wichtiges fettlösliches Antioxidans mit deutlichen
entzündungshemmenden Eigenschaften. Eine Therapie mit Vitamin E hat sich vor
allem bei entzündlichen und degenerativen Gelenkbeschwerden bewährt. In
einer randomisierten Doppelblindstudie wurde vom Rheumazentrum bei
stationären Patienten mit gesicherter Polyarthritis die Wirksamkeit und
Verträglichkeit von hochdosiertem Vitamin E (3 x 400 mg/ d) gegen
Diclofenac-Natrium (3 x 50 mg/ d) verabreicht. Nach einer dreiwöchigen
Behandlung war sowohl durch eine Vitamin-E-Therapie als auch durch eine
Behandlung mit Diclofenac eine deutliche Besserung der Beschwerden zu
beobachten.
Der bekannte antientzündliche Effekt von Vitamin E wurde auch bei Patienten
mit aktivierten Arthrosen untersucht. Dabei erwies sich eine
Vitamin-E-Therapie (3 x 400 mg/ d) als gleichwertig gegenüber einer Therapie
mit Diclofenac (3 x 50 mg/ d). Insbesondere vor dem Hintergrund der Risiken
einer langfristigen Therapie mit Antirheumatika ist eine Behandlung mit
Vitamin E eine sinnvolle, risikoarme Alternative.
Vitamin C
Vitamin C ist ein wasserlösliches Antioxidans, das ebenfalls bei der
Schmerztherapie von Nutzen sein kann. Zehn dänische Allgemeinmediziner
untersuchten die Wirksamkeit einer Therapie mit einem Gramm Calciumascorbat
bei 130 Patienten mit radiologisch gesicherten Arthrosen der Hüft- und
Kniegelenke. Die Therapie mit Calciumascorbat verminderte signifikant die
Schmerzen, allerdings nicht im gleichen Ausmaß wie nichtsteroidale
Antirheumatika.
Eine Einnahme von Vitamin C erwies sich in einer niederländischen Studie
auch als gut wirksam zur Vermeidung eines komplexen regionalen
Schmerzsyndroms nach Frakturen im Handgelenksbereich.
Vitamin D
Vitamin D ist primär sicherlich kein Schmerzmittel, allerdings gibt es
Zusammenhänge zwischen der Vitamin-D-Konzentration und der Häufigkeit und
Intensität von Schmerzzuständen.
Wissenschaftler der Universität of Delaware in Newark untersuchten die
Vitamin-D-Spiegel von 980 Menschen, die 65 Jahre oder älter waren. 58
Prozent der Frauen in dieser Studie und 27 Prozent der Männer klagten über
Schmerzen in wenigstens einer Körperregion. Bei den männlichen
Studienteilnehmern wurde kein Zusammenhang zwischen den Vitamin-D-Spiegeln
und den Schmerzen festgestellt; wohl aber hatten die Frauen mit einem
Vitamin-D-Mangel im Vergleich zu den Frauen mit einem normalen
Vitamin-D-Spiegel doppelt so häufig Rückenschmerzen.
In einer Untersuchung der Mayo-Klinik zeigte sich, dass bei einer
unzureichenden Vitamin-D-Konzentration höhere Mengen an Opiaten zur
Schmerzbekämpfung erforderlich waren.
Vitamin D hat entzündungshemmende Eigenschaften. Es reduziert z.B. die
Spiegel von Interleukin 6 und CRP.
Vitamin B1
Vitamin B1 kommt vor allem Dingen bei der Behandlung alkoholischer und
diabetischer Neuropathien in Frage, wobei insbesondere die fettlösliche Form
Benfothiamin sich als gut wirksam erwiesen hat.
Vitamin B2
In mehreren Studien konnte nachgewiesen werden, dass eine hochdosierte
Vitamin-B2-Supplementierung (400 mg/ Tag) in der Prävention der Migräne
wirksam ist. In einer placebokontrollierten Studie an 55 Patienten konnte
nach drei Monaten Vitamin-B2-Einnahme eine signifikante Verminderung der
Migränehäufigkeit und –dauer bei 60 Prozent der Studienteilnehmer
nachgewiesen werden. Man vermutet, dass eine hochdosierte
Riboflavinsupplementierung den mitochondrialen Energiestoffwechsel
verbessert.
Vitamin B6
Vitamin B6 hat sich gut bewährt für die Behandlung von Schmerzen beim
Karpaltunnelsyndrom. Oftmals ist es auch beim prämenstruellen Syndrom von
Nutzen.
Die erzielte Schmerzlinderung und Stimmungsverbesserung sind am besten durch
die Rolle des Vitamins B6 bei der Serotoninsynthese erklärbar. Vitamin B6
kann bei einer ausreichenden Tryptophanverfügbarkeit die Serotoninbildung im
ZNS verbessern, deshalb kann Vitamin B6 bei verschiedenen Schmerzzuständen
von Vorteil sein.
Eine Kombination der Vitamine B1, B6 und B12 zusammen mit Diclofenac erwies
sich gegenüber einer Monotherapie mit Diclofenac bei der Behandlung des
LWS-Syndroms als deutlich überlegen. Durch eine adjuvante Therapie mit
B-Vitaminen lassen sich nichtsteroidale Analgetika einsparen.
Vitamin B12
Intramuskuläre Vitamin-B12-Injektionen hatten in einer italienischen Studie
aus dem Jahr 2000 einen deutlichen Nutzen bei der Behandlung des Lumbago.
Der Verbrauch von Paracetamol konnte durch die B12-Injektionen reduziert
werden.
Magnesium
Magnesium spielt eine wichtige Rolle für die mitochondriale
Energieproduktion, für die Zellkommunikation, die Muskelrelaxation sowie für
die Bildung und Regulierung verschiedener Neurotransmitter. Bei Patienten
mit Migräne und Spannungskopfschmerzen wurden signifikant verminderte
Magnesiumkonzentrationen im Serum festgestellt. Ein Magnesiummangel kann zu
verschiedenen physiologischen Veränderungen führen, u.a. zu einem Spasmus
der cerebralen Arterien und einer vermehrten Freisetzung von
Schmerzmediatoren wie der Substanz P.
In einer randomisierten Doppelblindstudie wurde nachgewiesen, dass die
Einnahme von 600 mg Magnesium täglich über einen Zeitraum von 12 Wochen die
Häufigkeit von Kopfschmerzen um 41,6 Prozent verminderte.
Es gibt auch verschiedene Hinweise aus Studien, dass die perioperative
Verabreichung von Magnesium die Schmerzintensität und den
Schmerzmittelverbrauch nach der Operation reduzieren kann.
Magnesium ist bei vielen Schmerzzuständen hilfreich, auch wegen seiner
entkrampfenden und entspannenden Eigenschaften.
Zink
Bei Fibromyalgiepatienten wurden sowohl signifikant verminderte Magnesium-
wie auch Zinkkonzentrationen nachgewiesen. Es bestand eine Assoziation
zwischen dem Serum-Zinkspiegel und der Zahl der Tender-Points.
Selen
Selen ist ein wichtiges antioxidatives Spurenelement und deshalb häufig bei
Schmerzzuständen nützlich, die auf einer erhöhten Entzündungsaktivität
beruhen.
Generell sollten Schmerzpatienten auf eine optimale Antioxidantienversorgung
achten, um Schäden durch freie Radikale so gering wie möglich zu halten.
Referenzen:
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Medizin-aspekte.de April 2008: Arthrose: Fasten beeinflusst Schmerzen und entlastet die Gelenke
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Weitere Literatur beim Verfasser.
Autor: Dr. med. Hans-Günter Kugler
01.07.2008